Reisebericht 5 Tage Steiermark (14.09.2026 bis 18.09.2026)

Montag, 14.09.2026 – ,Die Fahrt in den Süden.

 

Nachdem 2025 eine Pause eingelegt worden war, war es 2026 wieder so weit: Eine Gruppe Blinder samt Begleitpersonen aus Oberösterreich machte sich erneut auf eine kleine Reise durch Österreich. Diesmal ging es nicht in den Westen, sondern in den Süden – ins grüne Herz Österreichs.

 

Am Montag, dem 14. September 2026, trafen sich Andrea, Anni, Alfons, Erika, Gerhard, Gregor, Johanna und Monika beim Infopoint am Hauptbahnhof Linz. Obwohl wir kurzfristig erfahren hatten, dass zwischen Hinterstoder und Windischgarsten wegen eines Oberleitungsschadens ein Schienenersatzverkehr eingerichtet worden war, tat das der hervorragenden Stimmung keinen Abbruch.

 

Da sowohl die Sitzplatzreservierungen für die Zugfahrt als auch die Ein- und Ausstiegshilfe der ÖBB rechtzeitig organisiert worden waren, konnte nichts mehr schiefgehen.

Auch das Team der ÖBB-OS (ÖBB Operative Services – ehemals MUNGOS) war pünktlich zur Stelle und holte uns am Treffpunkt ab. Es begleitete uns direkt zum Waggon mit unseren reservierten Plätzen. Mit dessen Unterstützung verlief das Einsteigen in den IR (InterRegio) 701 zügig und reibungslos.

 

Pünktlich rollten wir aus dem Hauptbahnhof Linz und machten uns auf den Weg Richtung Graz. Auf dem Abschnitt zwischen Linz und Spital am Pyhrn bummelt der Zug noch gemütlich durch die Landschaft, da er an fast allen Bahnhöfen hält. Die oberösterreichische Landeshauptstadt bildet dabei den nördlichen Ausgangspunkt der Pyhrnbahn, während Spital am Pyhrn die südlichste Haltestelle in Oberösterreich vor dem Bosrucktunnel zur Steiermark ist.

 

Doch so weit kamen wir mit der Bahn diesmal nicht am Stück: In Hinterstoder mussten wir den Zug verlassen und auf Busse umsteigen. Der Schienenersatzverkehr brachte uns bis nach Windischgarsten, wo wir wieder in den Zug stiegen. Die Umstiege funktionierten dank der Hilfe des Bahnpersonals und anderer Fahrgäste einwandfrei. Somit hatten wir unser erstes Abenteuer bereits erfolgreich gemeistert und setzten unsere Reise auf de Pyhrnbahn weiter. r

 

Die Pyhrnbahn bietet viele malerische Abschnitte, aber einer der schönsten Streckenabschnitte liegt zwischen Kirchdorf an der Krems und Selzthal. Hier führt die Bahn durch das beeindruckende Steyrtal und die Urlaubsregion Pyhrn-Priel. Besonders sehenswert sind die Abschnitte rund um Klaus und den Bosrucktunnel, wo die Bahn durch die Ennstaler Alpen fährt

 

Die Landschaft ist geprägt von Bergen, Tälern und Flüssen, und die Fahrt bietet atemberaubende Ausblicke auf die Natur. Es ist eine wunderbare Strecke, um die Schönheit der österreichischen Alpen zu genießen.

 

Schließlich kamen wir nach Spital am Pyhrn und hier führt uns die Fahrt durch den Bosrucktunnel. Der Bosruck-Eisenbahntunnel und die beiden Röhren des Bosruck-Straßentunnels unterqueren den Bergstock des Bosruck in den westlichen Ennstaler Alpen. Sie verbinden die Bundesländer Oberösterreich und Steiermark. Der 4.766 m lange Bosruck-Eisenbahntunnel verbindet die Bahnhöfe der Pyhrnbahn Spital am Pyhrn und Ardning in der Steiermark.

 

Er wurde in den Jahren 1901 bis 1906 im Rahmen des großen staatlichen Investitionsprojekts „Neue Alpenbahnen“ für die k.k. Staatsbahnen errichtet, nachdem mehrere Trassenvarianten über den Pyhrnpass verworfen worden waren.

 

Es ist noch gar nicht so lange her und man konnte die Fenster des Eisenbahnwagens öffnen und wenn man durch so alte Tunnels fuhr hatte man immer einen modrigen Geruch in der Nase und eine erfrischende kühle Brise wehte durch den Waggon.

 

Unser erster Halt in der Steiermark war beim Bahnhof Selzthal. Dieser Bahnhof verbindet die durchgehende Rudolfsbahn mit der Pyhrnbahn und der Ennstalbahn.

 

Er ist somit ein wichtiger Eisenbahnknoten im östlichen Ennstal. Er gehört zu den denkmalgeschützten Objekten in Selzthal. Besonders schön ist der Jugendstil-Wartesaal.

 

Der alte Bahnhof in Selzthal sollte ur­sprünglich den Namen Liezen bekommen, da vor dem Bau eine Gemeinde Selzthal noch nicht bestand. Selzthal ist erst durch den Bau der Kronprinz-Rudolf-Bahn, Strecke Weyer-Rottenmann, entstanden.

 

Einige von uns erinnern sich bestimmt noch an den mobilen Würstelstand am Bahnhof Selzthal – legendär angepriesen mit: „Heiße Würstel, Bier, Limonade!“

 

Die Würstel wurden in der Küche der Bahnhofsrestauration „beim Mocker“ frisch gebrüht und auf fahrbaren Imbisswagen direkt an die haltenden Züge gerollt. Der Verkauf lief blitzschnell über die geöffneten Zugfenster ab: Würstel und Getränke wurden hineingereicht, das Geld direkt im Gegenzug kassiert. Kein Wunder, dass die Würstelverkäufer extrem gut zu Fuß waren – oft lief die Verköstigung schließlich noch, während der Zug bereits langsam anrollte.

 

Nachdem wir Selzthal hinter uns gelassen hatten passierten wir Trieben. Ab hier nahm der Zug ordentlich Fahrt auf: Auf den meisten Abschnitten der Schoberpass-Strecke ging es mit 160 km/h Richtung Leoben. Ab Frohnleiten war ich wieder in meiner steirischen Heimat, und kurz darauf erreichten wir den Hauptbahnhof Graz.

 

Auch dort erwartete uns bereits der Begleitdienst der ÖBB am Bahnsteig und brachte uns direkt zur S1 nach Bruck. Dort ging es mit der S-Bahn eine Stadion weiter nach  Judendorf-Straßengel. Dieser kleine Bahnhof nordwestlich von Graz stellt durch seine Barrierefreiheit keine Hürden da und so war das Aussteigen für die Gruppe kein Hindernis und wir machten uns auf den 5 Minuten-Fußmarsch zu unserem Quartier beim Gasthaus Lammer.

 

Nachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten, trafen wir uns im gemütlichen und sonnigen Gastgarten zum Begrüßungstrunk. Das Personal vom Gasthaus Lammer stellte uns einen Tisch für 8 Personen zusammen, den wir die nächsten Tage für uns nutzen konnten. Man musste also nicht jedes Mal nach einem Tisch fragen. Genauso wurde es auch beim Frühstück gehandhabt.

 

Hier gab es für mich wieder das rote Himbeerkracherl. Während ich dieses Getränk genoss, stellte ich unseren Urlaubsplan für die nächsten Tage vor. Wir hatten ein umfangreiches, aber keineswegs anstrengendes Programm vor uns.

 

Etwas zu Judendorf-Straßengel:

 

Die ehemalige Marktgemeinde Judendorf-Straßengel (heute Teil der Fusionsgemeinde Gratwein-Straßengel) liegt nordwestlich von Graz und vereint hohe Lebensqualität mit regionaler Bedeutung. Durch ihre Lage im Grazer Bergland, eine gute Infrastruktur und ein breites Freizeitangebot ist die rund 5.800 Einwohner zählende Ortschaft ein attraktiver Wohn- und Naherholungsort, der besonders durch die markante Wallfahrtskirche Maria Straßengel geprägt wird.

 

Zudem ist der Ort ein wichtiger Gesundheitssitz: Die moderne Klinik Judendorf-Straßengel bietet mit über 250 Beschäftigten umfassende Rehabilitation in den Bereichen Neurologie, Orthopädie, Onkologie sowie Kinder- und Jugendrehabilitation.

 

Kulturell erlangte Judendorf-Straßengel internationale Bekanntheit durch die Pop-Rock-Band OPUS („Live Is Life“). Mit ihrem vor Ort betriebenen „Recorder Music Studio“, zahlreichen Alben und Open-Air-Konzerten prägte die Band die Gemeinde nachhaltig und fungierte als bedeutender kultureller Botschafter.

 

Nachdem wir uns Fit fühlten machten wir uns auf dem Weg zur Wallfahrtskirche Maria Straßengel. Der Weg führte uns auch beim Reha-Zentrum und deren Parkanlagen vorbei.

 

Wir entschieden uns für den Aufstieg zur hochgotischen Wallfahrtskirche Maria Straßengel über den Stiegenweg. Das  ist ein eindrucksvoller Pilger- und Fußweg, der schrittweise vom Talkessel auf den freistehenden Kirchberg (ca. 454 m ü. A.) führt.

 

die historische Stiege führt über mehr als 120 Stufen durch den bewaldeten Hang steil nach oben).

Die Stufen sind in mehreren Absätzen angelegt, was den Aufstieg rhythmisch gliedert. Seitlich verlaufende Geländer bieten gute Orientierung und Halt.

 

Am oberen Ende der Treppe tritt man aus dem Baumschatten heraus direkt auf das Plateau des Kirchhofs. Hier empfängt einen das spätgotische Ensemble mit der Wallfahrtskirche, ihrem filigranen, 48 Meter hohen Sandsteinturm („Steirischer Steffl“) sowie den alten Propstei- und Wirtschaftsgebäuden. Natürlich darf hier der Kirchenwirt auch nicht fehlen.

 

Ein Rundumblick bei Maria Straßengel:

 

Die hochgotische Wallfahrtskirche Maria Straßengel thront auf einer rund 454 Meter hohen Hügelkuppe nordwestlich von Graz im Gratkorner Becken. Von der ruhigen, historischen Anlage aus bietet sich ein imposanter Rundumblick im Uhrzeigersinn über die umliegende Landschaft. Im Norden fällt der Blick über die Ortschaft Gratwein-Straßengel auf das Gratkorner Becken und den markanten Schartnerkogel. Nach Osten prägen die Mur, das Industriegelände von Gratkorn und der mächtige Hausberg Schöckl das Panorama. Richtung Süden öffnet sich die Aussicht weit über das Grazer Becken bis in die Südsteiermark, während die Kette des Plabutsch den Blick begrenzt. Im Westen schirmt der dicht bewaldete Hang des Frauenkogels die Kirche ab und sorgt für eine schattige, geschützte Atmosphäre. Schließlich gleitet die Sicht im Nordwesten zurück ins mittlere Murtal und zu den Bergen der Pleschkogel-Gruppe.

 

Wallfahrtskirche Maria Straßengel:

 

Die Wallfahrtskirche Maria Straßengel ist ein bedeutendes gotisches Bauwerk, das eindrucksvoll auf einem steilen Hügel nahe Graz thront. Ihr markantestes Merkmal ist der rund 48 Meter hohe, filigran durchbrochene Kirchturm aus leicht rötlichem Sandstein, dessen kunstvolles Steinmetzwerk im Sonnenlicht warme Farbtöne abstrahlt. Der rechteckige Kirchenraum ist als zweischiffige Hallenkirche gestaltet, in der die schlanken Pfeiler nahtlos in ein reich verzweigtes Netzrippengewölbe an der Decke übergehen. Durch die hohen, schmalen Spitzbogenfenster fällt Tageslicht auf die farbenprächtigen mittelalterlichen Glasgemälde, die biblische Szenen und Heiligenfiguren darstellen. Im Zentrum des Altarraums steht das berühmte Gnadenbild der Maria im Ährenkleid, eine Darstellung der Jungfrau Maria in einem mit goldenen Kornähren bestickten Gewand. Reich verzierten Seitenaltäre, eine detailreich geschnitzte Kanzel sowie die historische Orgel auf der Chorempore vervollständigen den harmonischen Gesamteindruck des Innenraums. Dank ihrer klaren architektonischen Gliederung und der akustischen Klarheit lässt sich die ruhige, erhabene Atmosphäre dieses Sakralbaus bei einem Besuch besonders eindringlich wahrnehmen.

 

Das Kirchlein am Berg von Straßengel: https://www.youtube.com/watch?v=YOuqBc7bMVU&list=RDYOuqBc7bMVU&start_radio=1

 

Nachdem wir all diese Eindrücke in uns aufgenommen hatten machten wir uns auf den Rückweg. Diesmal nahmen wir die Straße auf der sehr gemütlich und bequem unser Quartier erreichten. Schließlich war es jetzt auch an der Zeit an das Abendessen zu denken. Das Wetter war sehr angenehm und so nahmen wir wieder im Gastgarten Platz. Was in der Steiermark beim Essen sehr wichtig ist. Bei einem Salat sollte man dazu sagen, dass man  ihn ohne Kernöl wmöchte.

 

So fand der erste Tag in der Steiermark einen gemütlichen

 

Dienstag, 15.09.2026: Im Tal der Geschichte.

 

Nach dem Frühstück machten wir uns auf dem Weg zum nahegelegenen Bahnhof. Von dort brachte uns das Flux-Taci zum Freilichtmuseum Stübing. Das ist eine Fahrt von etwa 10 Minuten. Das Museum ist auch mit der S-Bahn oder mit Bussen des steirischen Verkehrsverbundes erreichbar.

 

Das Österreichische Freilichtmuseum Stübing befindet sich etwa 15 Kilometer nördlich von Graz im Tal der Mur. Es erstreckt sich über ein rund 60 Hektar großes, ländliches Areal mitten in einem waldreichen Seitental. Seine Aufgabe ist die Erhaltung, Erforschung und Vermittlung des historischen bäuerlichen Bauens und Lebens in ganz Österreich. Die Entstehung des Museums geht auf das Jahr 1962 zurück, als der Grundstein für das Areal gelegt wurde. Heute beherbergt das Freilichtmuseum rund 100 originalgetreue historische Bauwerke aus den verschiedenen Bundesländern. Als eines der zehn größten Freilichtmuseen Europas besitzt die Anlage eine herausragende kulturelle Bedeutung für das materielle Erbe des Landes.

 

Dank des weitgehend ebenen Wegenetzes und der klaren Einteilung der Gebäude nach Bundesländern lässt sich die Anlage auch räumlich gut orientieren.

 

Das Österreichische Freilichtmuseum Stübing wurde von dem Volkskundler Prof. Dr. Viktor Herbert Pöttler begründet.

1962 gründete sich unter seiner entscheidenden Initiative der Verein „Österreichisches Freilichtmuseum“, der das Projekt eines zentralen Museums für ganz Österreich umsetzte. Pöttler leitete das Museum über viele Jahrzehnte als Gründungsdirektor und baute die Anlage maßgeblich auf.

 

So standen wir nun im Eingangsbereich und orientierten uns am Übersichtsplan der Museumsanlage. Da es überall etwas zu entdecken gab, machten wir uns auf den Weg zum ersten Objekt.

So begann Schritt für Schritt eine eindrucksvolle Reise durch die regionale Architektur und das ländliche Leben vergangener Jahrhunderte.

 

Von hier aus führt ein gut begehbarer, breiter Naturweg hinein in die atmosphärische Kulisse historischer Bauernhöfe aus ganz Österreich.

 

Entlang des Weges laden das Knirschen des Kieses unter den Sohlen und das sanfte Plätschern eines Baches dazu ein, die Umgebung intensiv wahrzunehmen.

 

Viele der historischen Gebäude und Außenstationen bieten haptische Elemente. Alte Bauweisen – wie massive Holzbalken, dicke Natursteinmauern und weiche Reetdächer – lassen sich hier direkt ertasten.

 

Dies konnten wir bereits beim ersten historischen Gebäude erleben, auf das wir stießen: dem sogenannten „Berglerhaus“ aus Neustift bei Güssing.

 

Dabei handelt es sich um das Ensemble eines Hakenhofes, wie ihn einst Kleinbauern / Keuschler bewohnten. Das Gebäude ist vergleichsweise niedrig und lang gestreckt. Dadurch konnten wir die Traufe des Strohdachs mühelos erreichen und seine Beschaffenheit mit den Händen erkunden.

 

Das Dach ist vollständig mit dichtem Roggenstroh gedeckt, dessen Unterkante ein Stück über die Wände hinausragt. Tritt man nah heran, steigt einem sofort der Duft von trockenem, leicht getreideartigem Stroh in die Nase. Unter den Fingern fühlt sich die Dachfläche fest gebündelt an, während die Halmenden spürbar faserig nachgeben.

 

Was waren Keuschler?

 

Ein Kleinkeuschler (auch Kleinhäusler) bezeichnete eine Person bzw. Familie, die ein sehr kleines bäuerliches Anwesen – eine sogenannte Keusche – bewohnte und bewirtschaftete.

 

Kleinkeuschler standen in der traditionellen ländlichen Gesellschaftshierarchie weit unter den Groß- und Mittelbauern. Da ihr eigener Grundbesitz meist nicht ausreichte, um eine Familie vollständig zu ernähren, arbeiteten sie häufig als Tagelöhner auf größeren Höfen, übten Handwerke aus oder nahmen Nebenarbeiten an.

 

Im Gegensatz zu einem Vollbauer besaß der Kleinkeuschler meist nur sehr wenig Vieh (oft nur Ziegen oder eine einzelne Kuh) und eine kleine Handwirtschaft.

 

Eine Handwirtschaft ist ein bäuerlicher Kleinbetrieb, der ohne Zugtiere (wie Pferde oder Ochsen) und ohne schwere landwirtschaftliche Maschinen bewirtschaftet wird. Die gesamte Arbeit auf den Feldern und im Stall wird ausschließlich in Handarbeit verrichtet.

 

Flankiert von unserem Weg boten sich uns vielfältige Einblicke in historische Gebäude, Gehöfte, Scheunen und Schuppen sowie Mühlen und weitere handwerkliche Einrichtungen, die für den damaligen Alltag von zentraler Bedeutung waren.

 

In den alten Bauernhöfen war der charakteristische Geruch der Rauchküchen noch immer präsent. Russgeschwärztes Kochgeschirr hing an den Haken, und auch die übrige Ausstattung der guten Stube schien unberührt. Beim Betreten der Räume war das historische Fundament – von gestampften Lehmböden bis hin zu ausgetretenen Dielen aus Fichtenholz – spürbar nah.

 

Durch die schmalen Fensterdrang nur wenig Tageslicht, sodass die Räume in halbdunkles Licht getaucht waren. Erhellt wurden sie damals durch Petroleumlampen mit regulierbaren Dochten. Die geringe Größe der Fenster hatte pragmatische Gründe: Sie schützten vor der Kälte und trugen dem Umstand Rechnung, dass Glas seinerzeit ein kostbares Gut war.

 

Beim Durchqueren der Räumlichkeiten war Vorsicht geboten, da die Türstöcke auffallend niedrig und die Türschwellen hoch angesetzt waren – ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Menschen jener Epoche im Durchschnitt kleiner waren als heute.

 

Auch die sanitären Einrichtungen entsprachen dem damaligen Standard: Da es noch keine Wasserklosetts gab, gehörte der Nachttopf unter dem Bett zur selbstverständlichen Ausstattung der Schlafzimmer. Schließlich wollte im Winter niemand auf das kalte Plumsklo hinter dem Misthaufen.

 

Auf unserem weiteren Weg passierten wir einen historischen Glockenturm aus dem Jahr 1776. Ursprünglich im burgenländischen Schallendorf errichtet, wurde er 1970 in das Freilichtmuseum Stübing versetzt.

 

In vielen kleineren Dörfern oder Ortsteilen gab es früher keine eigene Kirche. Der freistehende Glockenturm übernahm daher zentrale Aufgaben für die Dorfgemeinschaft:

Gebetssignal: Die Glocke läutete zu den täglichen Gebetszeiten (Morgens, Mittags, Abends).

 

Warnfunktion: Bei Feuer, Unwettern oder drohenden Gefahren wurde Alarm geschlagen.

 

Gemeinschaftsanlass: Die Glocke wurde auch bei Todesfällen im Dorf geläutet.

 

Da es gerade Mittag war, erklang pünktlich zu unserer Ankunft sein Geläut.

 

Hörbild vom Glockenturm aus dem Burgenland:

 

https://www.hojas.co.at/extern/audio/Glockenturm.MP3

 

Ein Stück weiter konnte man schon das Rauschen des Enzenbaches vernehmen. Dieser Bach durchfließt das gesamte Museumsgelände und das Wasser treibt auch die entsprechenden Mühlen entlang des Baches an.

 

Hörbild vom Wasserzulauf zur Mühle:

 

https://www.hojas.co.at/extern/audio/Zulauf_zur_Muehle.MP3

So auch die Mühle mit dem imposanten Wasserrad. Sie stammt ursprünglich aus dem Ortsteil Raabau bei Feldbach im steirischen Vulkanland (Südoststeiermark).

 

Errichtet wurde das Mühlengebäude im Jahr 1822. Sie diente als klassische Bauernmühle (Getreidemühle) zum Mahlen von Brotgetreide (wie Rogen und Weizen) sowie Futtergetreide für die umliegenden landwirtschaftlichen Betriebe.

 

Betrieben wird die Mühle über ein oberschlächtiges Holz-Wasserrad, das im Museum über ein eigens angelegtes Gerinne mit Wasser versorgt wird.

 

Im Inneren befindet sich ein voll funktionsfähiges Mahlwerk  mit Mühlsteinen und Beutelwerk zur Trennung von Mehl und Kleie.

 

Die Mühle wird zu Schauzwecken regelmäßig in Betrieb genommen, um das traditionelle Mühlenhandwerk anschaulich zu demonstrieren.

 

Unterschlächtiges und oberschlächtiges Mühlrad:

 

Beim unterschlächtigen Mühlrad fließt der Bach flach unten

durch die Schaufeln, sodass die reine Strömung des Flusses das Rad wie ein Paddel vorwärtsdrückt.

 

Beim oberschlächtigen Mühlrad wird das Wasser über ein Rinnen-System von oben in geschlossene Kammern gegossen, damit das schwere Eigengewicht des fallenden Wassers das Rad nach unten zieht.

 

Der Hauptunterschied liegt im Kraftprinzip: Unterschlächtige Räder nutzen die Geschwindigkeit des fließenden Wassers, oberschlächtige Räder nutzen die Schwerkraft der gefüllten Wasserfächer.

 

Taktil betrachtet haben unterschlächtige Räder offene, gerade Holzbretter für den Widerstand im Wasserlauf, während oberschlächtige Räder tiefe, becherartige Mulden besitzen, die das Wasser beim Drehen auffangen und halten.

Aus diesem Grund eignet sich das unterschlächtige Rad ideal für breite, flache Flüsse im Unterland, wohingegen das oberschlächtige Rad ein steileres Gefälle benötigt, dafür aber mit deutlich weniger Wassermenge viel effizienter arbeitet.

 

Mühlsteine:

 

In der Südoststeiermark wurden Mühlsteine vorwiegend aus reicher Quarzit-Sandeinschluss-Formation, lokalem Tuffstein oder basaltischen Gesteinen sowie Trachyttuff gewonnen. Für feines Mahlen (wie Weizen) nutzte man sehr harte Süßwasserquarzite oder importierten Französischen Quarzit. während heimische Steine eher für Schrot und rohere Getreidearten dienten.

 

Bäuerliche Mahlsteine in alpinen und südoststeirischen Wassermühlen hatten in der Regel einen Durchmesser von 100 bis 140 cm und eine Stärke (Dicke) von etwa 25 bis 40 cm. Ein einzelner Stein wog dabei oft zwischen 500 und 1.200 kg.

 

Für mich war das ein besonderes Erlebnis.  Schließlich wuchs ich in einer Mühle auf. Mein Vater war damals Müllermeister und so hatten wir als Kinder einen wunderbaren Spielplatz. Unsere Mühle hatte die Alternative zwischen Strom- und Wasserantrieb umzustellen. Bevor die Mühle wegen eines Straßenbaues weichen musste, kamen auch einige Mühlsteine und abgetrettene Bodendielen ins Freilichtmuseum Stübing.

 

Dann kam ein Gebäude aus meiner Heimatgemeinde Semriach in unser Blickfeld.

 

Der Wagenschuppen aus Semriach ist ein luftig konstruierter Riegelbau aus dunklem Holz, der nach vorne hin komplett offen ist und von einem weit ausladenden Satteldach bedeckt wird. Unter dem schützenden Dach roch es nach altgebundenem Holz und trockenem Heu, während man im Inneren die hölzernen Ackerwägen und historischen Landwirtschaftsgeräte direkt vor sich hatte.

 

Der nächste Blickfang war eine historische Seilerei. Sie stammt aus Feldbach in der Oststeiermark und wurde im frühen 19. Jahrhundert errichtet. Das Gebäude ist ein langgestreckter, schmaler Holzbau, der speziell für die Handwerker benötigt wurde, um lange Seile und Taue aus Naturfasern wie Flachs oder Hanf zu drehen.

 

Früher diente die Werkstatt dazu, robuste Seile für die Landwirtschaft, den Hausgebrauch und den Transport und auch für die Seefahrt herzustellen.

 

Das Gebäude der Seilerei ist etwa 30 Meter lang. Es handelt sich um eine typische, nur wenige Meter breite, gestreckte Holzbau-Halle (eine sogenannte „Seilerbahn“). Diese Bauweise war notwendig, um den langen Garnsträngen beim Verdrillen ausreichend Platz in der Länge zu bieten, während in der Breite lediglich Raum für die Gerätschaften und den Arbeitsgang des Seilers benötigt wurde.

 

Im Inneren konnte man den typischen Geruch von Teer und Pflanzenfasern riechen.

 

Da wir jetzt auch schon langsam Durst und Hunger bekamen machten wir uns auf dem Weg zu einer Gaststube im Museumsgelände. Aber das ist nicht so schnell zu erreichen, da es immer wieder Schauobjekte am Weg gibt.

 

Eines davon war ein Kohlenmeiler aus Großstübing. Der Nachbargemeinde von Stübing. .

 

Der Kohlenmeiler (Köhlerei) diente dazu, aus gewöhnlichem Holz hochwertige Holzkohle herzustellen, die man für bäuerliche Schmieden und frühe Industrien brauchte.

 

Er gleicht einem riesigen, dicht geschichteten Holzkegel oder Hügel, in dessen Mitte sich ein vertikaler Feuerschacht befindet. Um den Meiler herum sind kurze Baumstämme steil aneinandergelehnt und dicht mit einer Abdeckung aus Tannenzweigen, Erde und feuchter Rasenerde luftdicht abgeschlossen.

 

Im Museumsmodell reicht dieser beeindruckende Erdhügel etwa auf Augenhöhe, während historische Meiler meist zweieinhalb bis vier Meter hoch aufgeschichtet wurden.

Durch das feuchte Erdreich und das kontrollierte Glimmen ohne Sauerstoff verkohlte das Holz langsam im Inneren, anstatt einfach zu Asche zu verbrennen.

 

Beim traditionellen Erdmeiler, wie er in Stübing dargestellt wird, entstanden chemisch gesehen zwar erhebliche Mengen an Nebenprodukten (darunter Holzgeist bzw. Methanol, Holzessig, Holzteer und Gase) – diese wurden jedoch in der klassischen Praxis meist nicht aufgefangen, sondern entwichen als Rauch.

Auch an diese Köhlerei hatte ich Erinnerungen. Schließlich hatte ich sie damals noch im Betrieb gesehen: Wenn wir sonntags auf dem Weg zu Familienbesuchen von Semriach über Stübing und Großstübing nach Geistthal fuhren, kamen wir immer an diesem Meiler vorbei. Er stand direkt an der Straße, qualmte intensiv und daneben türmte sich ein großer Haufen Holzkohle.

Kurz vor unserer Pause und den verdienten Essen besuchten wir die Greißlerei. Sie lag dierekt auf unseren Weg.

 

Die historische Greißlerei – ein traditionelles ländliches Gemischtwarengeschäft – liegt direkt an einem sanft ansteigenden Kiesweg. Schon beim Eingang fallen alte Werbetafeln ins Auge, unter anderem auch Reklame für die gute alte Bensdorp-Schokolade, die man damals für einen Schilling erwerben konnte.

 

Der Verkaufsraum selbst ist eher klein und strahlt eine wohlige Geborgenheit aus. Der Boden besteht aus alten, uneben gelaufenen Fichtenholzdielen, die bei jedem Schritt leise knarren und den Duft von trockenem Holz und Wachs verströmen.

 

Noch bevor wir etwas berühren, umfängt uns ein intensiv vielschichtiger Duftcocktail, der typisch für das Landleben des frühen 20. Jahrhunderts war.

 

Auf der Ladentheke, die vom Museumspersonal besetzt ist, stehen Seifen, Schokoladen und allerhand weiteres Krimskrams zum Verkauf bereit. An der Wand hinter der Theke erstreckt sich ein mannshohes Fichtenholzregal bis zur Decke. Die tiefen Fächer bieten reichlich Stauraum und sind mit zahlreichen Schubladen ausgestattet, die sich an kleinen hölzernen Knöpfen herausziehen lassen. In diesen lagerten früher Nägel, Garnrollen, Knöpfe, Gewürze und Saatgut.

 

Besonders schön war, dass wir hier viele Gegenstände selbst anfassen und ertasten durften. Auf der Holztheke befindet sich eine alte Registrierkasse mit einer seitlichen Kurbel. Ebenso stehen dort verschiedene Messbecher zum Abmessen der Ware aus den Schubladen sowie eine historische Balkenwaage mit tiefen, runden Schalen samt passenden Gewichten von wenigen Gramm bis zu fünf Kilogramm.

 

Nachdem wir einige Kleinigkeiten erworben hatten, verließen wir diesen historischen Ort mit dem schönen Gefühl, vieles aus der eigenen Kindheit wiedererkannt zu haben.

 

Nun war es wirklich an der Zeit, eine Pause einzulegen und etwas zu essen. Das nahegelegene Wirtshaus passte perfekt ins Bild: Es handelt sich um das historische Gasthaus „Zum Göller“, das ursprünglich vom Lahnsattel in St. Aegyd stammt und hier im Areal der Kräutler-Greißlerei originalgetreu wieder aufgebaut wurde.

 

Wir nahmen an einem großen Holztisch mit Bänken Platz und ließen uns das Essen schmecken. Bereits während unseres Spaziergangs durch das Museum war uns immer wieder ein vertrautes Geräusch aufgefallen: Da die Anlage auch während des Museumsbetriebs ständig gepflegt wird, war regelmäßig ein alter, grüner Steyr 15 unterwegs. Wer das typische Starten und Knattern dieses Oldtimers einmal gehört hat, vergisst es nie.

 

Hörbild: Der Steyr 15 im Hintergrund:

https://www.hojas.co.at/extern/audio/Steyr_15.MP3

 

Ein legendäres 15er Steyr Lied: (Stefan Rauch und Petutschnig Hons)

 

https://www.youtube.com/watch?v=8cGW3d3NTAM&list=RD8cGW3d3NTAM&start_radio=1

 

Nach unserer Rast setzten wir unseren Weg fort und spazierten gemütlich durch das Gelände, bis wir zur Schule gelangten.

 

Das historische Schulgebäude befand sich ursprünglich auf dem „Schiesterhof“ in Prätis bei Pöllau (Oststeiermark). Es entstand im Zuge der Einführung der allgemeinen Schulpflicht durch Kaiserin Maria Theresia im Jahr 1774, indem eine ehemalige hölzerne Brechelstube zu einem Schulraum umfunktioniert wurde.

 

Exkurs: Was ist eine Brechelstube?

 

Eine Brechelstube (auch Brechelhütte oder Haarstube genannt) ist ein einfaches historisches Wirtschaftsgebäude auf dem Land, das speziell für die Verarbeitung von Flachs (Lein) genutzt wurde. Um aus den holzigen Stängeln der Flachspflanze feine Fasern zum Spinnen zu gewinnen, durchlief das Material hier mehrere traditionelle Arbeitsschritte.

 

Das Gebäude selbst ist somit über 200 Jahre alt und steht stellvertretend für die Anfänge des ländlichen Schulwesens im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert. Unterrichtet wurden damals vor allem die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen sowie Religion. Besonderer Wert wurde zudem auf das Schön- und Richtigschreiben gelegt, bei dem die Kinder die deutsche Kurrentschrift erlernten.

 

Die Ausstattung des Klassenzimmers ist schlicht gehalten: Zur Einrichtung gehören einfache Holzschulbänke, auf denen mehrere Kinder nebeneinander saßen. Als Schreibunterlage dienten kleine Schiefertafeln mit Griffeln, während die Lehrkraft vor einer großen Wandtafel unterrichtete. Ein Stehpult für den Lehrer komplettiert das historische Mobiliar.

 

Darüber hinaus vermittelt das im Schulraum ausgestellte Anschauungsmaterial einen authentischen Eindruck vom ländlichen Unterricht jener Zeit:

Da es damals noch keine gedruckten Schulbücher für jedes Kind gab, dienten großformatige Wandtafeln dazu, den Schülern Gegenstände, Tiere, Pflanzen sowie biblische Szenen visuell näherzubringen.

 

Vorgezeichnete Alphabete an den Wänden halfen den Kindern beim Einüben der rechtsschrägen deutschen Kurrentschrift mit ihren charakteristischen Schleifen.

 

Aber auch etwas ganz besonderes fanden wir in der Schule. Mir war dieses Spiel nicht bekannt. Für andere aus unserer Gruppe war es ein Wiedersehen. Das Spiel heißt „Alle Neune“.

 

Das Spiel war zur Zeit der einklassigen Volksschulen im 18. und 19. Jahrhundert bereits seit Jahrhunderten im gesamten mitteleuropäischen Raum verbreitet.

Das Spiel war und ist auch heute noch unter den Namen „Shut the Box“oder „Klappbrett“  bekannt.

 

Das Klappbrett-Würfelspiel („Shut the Box“ / „Alle Neune“):

 

Dieses einfache Holzspiel mit Klappen von 1 bis 9 war im 18. und 19. Jahrhundert als Zeitvertreib in Stuben und Schankräumen extrem beliebt.

 

Da man beim Würfeln mit zwei Würfeln die Zahlen zerlegen und zusammenzählen muss (z. B. bei einer gewürfelten 9 entweder die 9 direkt oder 5+4, 6+3 etc. umklappen), wurde es oft auch als anschauliche Rechenübung für Kinder genutzt.

 

In einer historischen Dorfschule selbst stand das Vergnügungsspiel zwar nicht auf dem offiziellen Lehrplan, aber in den Bauernstuben und am Dorfplatz gehörte „Alle neune“ ganz selbstverständlich zum Alltag der Kinder und Erwachsenen.

 

Dieses Spiel gibt es noch heute und es ist auch für Blinde und Sehbehinderte mit habtischer Schrift und Braille adaptiert.

Nach dem Schulbesuch war es schließlich Zeit für den Rückweg. Der Tag im Freilichtmuseum verging wie im Flug, sodass wir nicht einmal die Hälfte des weitläufigen Geländes besichtigen konnten.

 

Bis zum Talschluss im Westen und zur Sennerei aus dem Bregenzerwald in Vorarlberg schafften wir es diesmal gar nicht. Auch den Almenbereich im hinteren Drittel des Areals mit seinen traditionellen Kaser- und Sennhütten aus Salzburg, Tirol und Vorarlberg konnten wir noch nicht erkunden.

 

Unser Erfahrungstipp: Das Freilichtmuseum in Stübing ist extrem umfangreich und auch für Blinde sowie sehbehinderte Menschen ein wahres Eldorado zum Begreifen, Ertasten, Erforschen, Riechen und Fühlen. Man sollte sich hier definitiv zwei Tage Zeit nehmen; ein durcheiltes Durchgehen macht wenig Sinn, da man schlichtweg zu viel verpassen würde.

 

Nachdem wir noch eine Runde durch den Museumsshop im Eingangs- und Besucherzentrum gedreht hatten, setzten wir uns in den Garten des Museumscafés, um auf unser Großraumtaxi zu warten. Da dieses jedoch im Stau steckte, wurden wir schließlich in zwei Gruppen zu unserer Unterkunft gebracht. Aufgrund der kurzen Strecke war das völlig problemlos – und so lernten wir auch gleich Dimitri kennen, unseren Taxifahrer aus der Ukraine.

 

Zum Abendessen kamen wir wieder im Gastgarten zusammen, wo wir heute sogar musikalisch untermalt wurden: Ein Geburtstag wurde gefeiert, und es trat ein ganz besonderer Stargast auf – Elvis Presley. Er lebt also doch noch, was acht Personen aus Oberösterreich, darunter vier blinde Teilnehmer, eidesstattlich bezeugen können!

 

So fand ein wunderschöner und lehrreicher Ausflug mit viel Musik einen gelungenen Abschluss.

 

Schlußgedanke:

 

Beim Besuch im Freilichtmuseum kam auch der Gedanke auf wie damals Menschen mit Behinderung am Land und besonders auf Bauernhöfen lebten und überlebten.

 

Das Leben von Menschen mit Behinderung auf dem Land und an Bauernhöfen im 18. Jahrhundert war geprägt von strenger Nützlichkeitsethik, starker Religiosität und dem Fehlen jeglicher staatlicher oder medizinischer Versorgungssysteme.

 

Sozialer Status und Alltag auf dem Bauernhof:

 

Im 18. Jahrhundert bildete der Bauernhof eine Arbeits- und Überlebensgemeinschaft. Der soziale Status eines Menschen hängte maßgeblich von seiner Arbeitsfähigkeit ab:

 

Integrierte Nutzbarkeit: Menschen mit leichten körperlichen oder geistigen Einschränkungen wurden im Alltag nicht grundsätzlich ausgegrenzt, sondern bekamen Aufgaben zugewiesen, die ihren Möglichkeiten entsprachen (z. B. Viehhüten, Kräutersammeln, Hilfe im Haushalt oder einfache Handreichungen). Solange jemand zum Gesamtertrag beitragen konnte, war er fester Bestandteil der Hofstruktur.

 

Schwere Beeinträchtigungen: Wer aufgrund schwerer geistiger oder körperlicher Behinderungen nicht arbeitsfähig war, galt als „Esser ohne Ertrag“ und bedeutete eine erhebliche ökonomische Belastung für die Familie. Solche Angehörigen wurden oft auf den Höfen mitversorgt, lebten jedoch oft isoliert in Nebenräumen, Kammern oder Ställen.

 

Religiöse Deutung: Das Umfeld deutete Behinderungen meist christlich-fatalistisch. Sie wurden wahlweise als „Gottes Fügung“, Prüfung des Glaubens, Strafe für Sünden der Eltern oder – im Volksglauben – als Einwirkung von Hexerei oder dem Teufel („Wechselbalg“) interpretiert.

 

Absichtliche Kindstötung und vernachlässigende Sterblichkeit:

 

Absichtliche Kindstötungen (Infantizid) kamen vor, betrafen jedoch im 18. Jahrhundert vor allem uneheliche Kinder aufgrund der enormen gesellschaftlichen und rechtlichen Ächtung unhelicher Mütter.

Bei Kindern, die mit offensichtlichen schweren Behinderungen oder Fehlbildungen geboren wurden, war das Bild komplexer:

 

Verdeckte Vernachlässigung („Passive Tötung“): Direkte, gewaltsame Kindstötungen wurden von Kirche und weltlicher Obrigkeit strengstens verfolgt und mit dem Tod bestraft. Daher überwog das Muster der selektiven oder passiven Vernachlässigung: Beeinträchtigte Neugeborene oder Kleinkinder erhielten weniger Nahrung, verunreinigte Milch oder wurden bei Kälte unzureichend versorgt. Infantiles Dahinscheiden durch Unterernährung oder Infekte wurde dann als natürlicher Tod bzw. als „Schicksal“ hinangenommen.

 

So wurden Säuglinge im Winter nass gemacht und ins Freie gelegt. Sie starben dann an einer Lungenentzündung. Oder man schob sie in den Backofen und wenn man an überhitzte Autos denkt kann man sich vorstellen was passiert ist. Der Doktor konnte nur einen plötzlichen Kindstot feststellen.   Was damals sicher sehr oft die „Froass“ war.

 

Der Glaube an den „Wechselbalg“: Wenn ein Kind sich geistig nicht wie erwartet entwickelte oder schwere Krämpfe zeigte, entstand im Volksglauben manchmal der Verdacht, das eigentliche Kind sei von Dämonen ausgetauscht worden. Die verzeichneten Bräuche zur „Austreibung“ bedeuteten oft extreme physische Misshandlung, die nicht selten zum Tod des Kindes führte.

 

Froass (auch Fraisch, Fraas oder Freisch)

 

Die „Froass“ (auch Fraisch, Fraas oder Freisch genannt) war im 18. Jahrhundert nicht der plötzliche Kindstod (SIDS), sondern ein Sammelbegriff für Krampfanfälle und Konvulsionen bei Säuglingen und Kleinkindern.

 

Symptome: Unter der Fraisch verstand man epileptische Anfälle, Fieberkrämpfe, Krämpfe bei Mangelkrankheiten (z. B. Tetanie durch Vitamin-D-/Calciummangel) oder Krämpfe bei schweren Infektionskrankheiten (wie Tetanus oder Hirnhautentzündung).

 

Bedeutung: Da solche Krämpfe bei Säuglingen sehr häufig tödlich verliefen, war die „Froass“ eine der am häufigsten eingetragenen Todesursachen in den historischen Pfarrmatriken/Sterbebüchern dieser Zeit.

 

Volksglaube und Schutz:

 

Gegen die „Fraisch“ gab es eine ausgeprägte religiöse Volksmedizin. Weit verbreitet waren sogenannte Fraischbriefe (Schutzamulette mit religiösen Texten oder Symbolen) oder Fraisch-Münzen, die man Kindern unter das Kopfkissen legte oder umhängte, um die Krämpfe abzuwehren.

 

Die Einleger und Einlegerinnen am Land:

 

Das Einlegewesen (auch Einlegeverfahren oder Einlegersystem) war die traditionelle, kommunale Form der Armenfürsorge in ländlichen Regionen Österreichs vor der Einführung moderner Sozialsysteme.

 

Wer waren die Einleger? Als Einleger oder Einlegerinnen bezeichnete man verarmte, arbeitsunfähige, alte oder chronisch kranke und behinderte Menschen, die keine eigene Familie zur Versorgung hatten und keinen Besitz besaßen.

 

Das System des „Einlegens“: Die Ortsgemeinde verpflichtete die ansässigen Bauernhöfe der Reihe nach, diese Personen für eine festgelegte Zeit (oft tage- oder wochenweise) bei sich aufzunehmen und zu verköstigen.

 

Lebensbedingungen:

 

Das Dasein als Einleger war von hoher sozialer Declassierung geprägt. Sie standen in der Hierarchie des Hofes ganz unten – oft noch unter den Mägden und Knechten.

 

Als Unterbringung dienten meist unheizbare Ausgedingekammern, Schuppen oder Ställe.

 

Wenn der Einleger noch zu einfachen Handreichungen (z. B. Wolle spinnen, Holz klauben, Schnitzen) fähig war, musste er diese Leistung als Gegenwert für die Verpflegung erbringen.

 

Für viele behinderte oder gebrechliche Menschen ohne Angehörige war das Einlegewesen die einzige Möglichkeit, das physische Überleben auf dem Land zu sichern, wenngleich unter oft sehr demoralisierenden und dürftigen Bedingungen.

Hierzu lässt sich an die Erzählungen von Peter Rosegger anknüpfen: In seinem Werk Das Waldbauernbübelschildert er die Geschichte seiner blinden Führerin, die ihr Dasein ebenfalls als Einlegerin verbrachte.

 

In meiner Kindheit waren Begriffe wie „Einleger“ oder „Froass“ noch durchaus geläufig. Damals hielt ich jedoch die Welt von Heidi und ihrer im Rollstuhl sitzenden Freundin Klara für das echte Leben – voller Sozialromantik.

 

Auch in unserer Gemeinde gab es damals noch einen Einleger. Die Gemeinde stellte ihm einen Bauwagen zum Wohnen und Schlafen zur Verfügung, und so zog der „Karrer Bertl“ täglich von einem Hof zum nächsten, um verköstigt zu werden. Bei jedem Bauern ließ er aufs Neue seine Schimpftriaden über den Bürgermeister los. Die letzten Jahre seines Lebens durfte er schließlich in einer Seniorenresidenz verbringen und sanft aus dieser Welt scheiden.

 

Mittwoch, 16.09.2026: Von der steirischen Knopfharmonika zum größten freihängenden Tropfstein der Welt.

 

Heute war ein besonderer Tag, denn es standen zwei Highlights auf dem Programm.

 

Schon nach dem Frühstück wartete der Bus auf dem Parkplatz beim Gasthaus Lammer. Am Steuer saß ein ganz besonderer Chauffeur: mein Bruder Günter. Unser Bus war äußerst komfortabel und bot den Vorteil, dass man auf beiden Seiten ein- und aussteigen konnte. Nachdem alle ihren Platz eingenommen hatten, brachen wir in Richtung Norden auf.

 

Auf der Strecke passierten wir Gratwein. Das dortige Restaurant Fischerwirt dürfte einigen Blinden und Sehbehinderten aus Oberösterreich ein Begriff sein. Auch ich habe beste Erinnerungen daran – schließlich hörte ich dort zum ersten Mal das Lied „Fürstenfeld“ von STS. Das war 1984.

 

Hier kamen wir auch an einen großen Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor im Bezirk vorbei. Es ist die Papier- und Zellstofffabrik SAPPI (South African Pulp and Paper Industries Limite – Südafrikanische Zellstoff- und Papierindustrie GmbH). Früher war das die Leykam Mürztaler Papierfabrik mit Standorten in Fronleiten, Bruck an der Mur und Niklasdorf. Die Papierfabrik Niklasdorf wurde vom Industriellen Prinzhorn übernommen. Das ist jener Zeitgenosse der den damaligen Bundespräsidenten Klestil eine blutige Nase androhte. Prinzhorn wundert sich sicher noch bis heute warum er nie einen Ministerposten bekam.

 

In dieser Papierfabrik habe ich meinem ersten Beruf erlernt. Hier wurde ich zum Betriebsschlosser ausgebildet. Mein Spezialgebiet waren Kupplungen und Transmissionen auf jeder nur mögliche Arten.

 

Nach Gratkorn bogen wir auf die B67 ein. Diese war früher als berüchtigte „Gastarbeiterroute“ nach Jugoslawien bekannt. Besonders im Sommer musste man lange warten, um überhaupt auf die Bundesstraße einzubiegen. Unzählige Fahrzeuge rollten damals Richtung Heimat oder zurück nach Deutschland und Nordeuropa – nicht selten völlig überladen. Auf den Dächern türmten sich Schubkarren, Kühltruhen oder Waschmaschinen. Leider kam es auf dieser Strecke immer wieder zu schweren Unfällen, bis in den 1980er-Jahren parallel dazu die Pyhrnautobahn (A9) gebaut wurde. Mein Vater nutzte damals oft den angrenzenden Fahrradweg, um mit seinem VW Käfer an den endlosen Kolonnen vorbeizuzockeln.

 

Nach einigen Minuten auf der B67 verließen wir das Murtal und bogen rechts ab auf die Landstraße nach Semriach. Wir überquerten die A9, fuhren durch Friesach und schlugen eine östliche Route durch den Augraben ein.

 

Der Augraben (auch Rötschgraben) ist ein tief eingeschnittenes, enges und dicht bewaldetes Kerbtal des Grazer Berglandes. Es wirkt schattig und kühl, stark geprägt von den steil abfallenden Hangwäldern und dem Rötschbach. Der Name bedeutet schlicht „feuchtes beziehungsweise wasserreiches Engtal“. Der Rötschbach entspringt im Semriacher Becken nahe dem Hochtrötsch, stürzt durch die bekannte Kesselfallklamm hinab in den Augraben und mündet schließlich bei Friesach in die Mur. Dieser Bach ist fest mit meiner Kindheit verbunden, denn in der Nähe unseres Wohnhauses habe ich ihn damals regelmäßig befischt oder auch leergefischt..

 

Entlang der Straße bis zum Kesselfall gab es früher vier Gasthäuser, von denen heute nur noch eines betrieben wird – jenes, in dem wir am Nachmittag einkehrten. Das erste Lokal der Strecke war einst der Weingrill in Friesach: eine hervorragende Adresse für gutes Essen, bei der Kernöl selbstverständlich ungefragt auf den Tisch kam.

 

Bereits bei unserer Anreise am Montag nach Graz und beim Besuch der Kirche Maria Straßengel war uns in der Ferne ein Steinbruch aufgefallen, der am oberen Rand markant von Bäumen gesäumt wird. Nun fuhren wir direkt daran vorbei: Es handelt sich um den Steinbruch Harrer, den ich ebenfalls seit meiner Kindheit kenne. Auf Google Earth oder Google Maps dienen solche prägnanten Landschaftspunkte bis heute als hervorragende Orientierungshilfe.

 

Wenig später passierten wir das nächste, mittlerweile geschlossene Wirtshaus: den Woff. Hier fanden am Karsamstag früher immer die Fleischweihen statt. Da der Wirt Jäger war, standen auch die Veranstaltungen ganz im Zeichen der Jagd und des Jägerlateins..

 

Schließlich kam auf der rechten Seite ein kleiner Hügel in Sicht. Davor stand früher ein Sägewerk, bei dem wir regelmäßig „Soschortn“ als Einstreu für den Kuh- und Schweinestall holten. Auf dem Hügel befand sich ein kleiner Skilift mit zwei Bügeln. Dort zog ich meine ersten Schwünge im Schnee – auch wenn mein Fahrstil damals eher einem Kamikaze-Piloten glich, der im Morsestyle nach unten brauste: Strich, Punkt, Strich, Punkt.

 

Schließlich erreichten wir unser Ziel und bogen links zur Harmonikaerzeugung Franz Parz ein. Die Umgebung hier ist von dichtem Wald geprägt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt eine Wiese, auf der früher unsere Kühe ihren täglichen Auslauf hatten; heute weiden dort Schafe. Direkt an die Wiese grenzt der Rötschbach an, hinter dem sich ein steiler Waldberg erhebt: die Rannach. Durch den dichten Bewuchs sind die drei Forststraßen, die sich dort in verschiedenen Höhen durch den Hang ziehen, von unten nicht zu erkennen. Ein Großteil dieser ausgedehnten Forstflächen gehört seit jeher zum Waldbesitz des nahegelegenen Zisterzienserstiftes Rein.

 

Wir  waren aber nicht hier um auf Bäume zu starren sondern zu erfahren was man mit solchen Hölzern machen kann. Wir standen beim Eingang bei der Harmonikaerzeugung Franz Parz in Semriach. Hier entstehen die bekannten altsteirischen Knopfharminikas.

 

Wir wurden auch dementsprechend mit steirischer Harmonika und Teufelsgeige begrüßt.

 

Hörbild Begrüßung bei Franz Parz: https://www.hojas.co.at/extern/audio/Begruessung_Parz.MP3

altsteirischen Knopfhamonika

 

Harmonikaerzeugung Franz Parz:

 

Franz Parz senior war von Jugend an ein begeisterter Knopfharmonikaspieler. Sein Drang, nicht nur zu musizieren, sondern das Instrument im Detail zu verstehen und selbst zu bauen, prägte seinen Werdegang.

Seine Ausbildung zum Tischler lieferte das nötige Holzhandwerk. Während seiner Lehrzeit bot ihm sein Chef an, eine eigene Harmonika zu fertigen.

 

Nach intensiver Einarbeitung gründete Franz Parz sen. 1978 seine eigene Werkstatt in Semriach bei Graz.

 

Der Betrieb wuchs zu einem reinen Familienunternehmen heran. Neben seiner Frau unterstützen die Kinder den Betrieb: Tochter Gabriele gibt Harmonikakurse, Tochter Christine führt die Organisation, und Sohn Franz Parz jun. baut gemeinsam mit dem Vater in der Werkstatt neue Modelle.

 

In der Werkstatt entstehen handgefertigte Einzelstücke aus heimischen Hölzern wie Fichte, Erle, Nuss oder Ahorn. Neben dem Neubau widmet sich die Werkstatt auch der Restauration alter Instrumente.

Um sich eine

Harmonika ohne visuelle Eindrücke vorzustellen, hilft ein Blick auf die drei haptischen und akustischen Hauptkomponenten:

 

Das Gehäuse (Diskant- und Bassseite):

 

Zwei feste Holzkästen bilden das Äußere. Die rechte Seite (Diskant) spielt die Melodie, die linke Seite (Bass) sorgt für den Rhythmus und die tiefen Begleittöne.

 

Was bedeutet Diskant?

 

Das ist die Seite des Instruments, mit der die eigentliche Hauptmelodie in den hohen Tönen gespielt wird.

 

Das Wort stammt vom lateinischen discantus ab und bedeutete ursprünglich „Oberstimme“ oder „hoher Gesang“.

 

Wenn du das Instrument hältst, ist der Diskant die rechte Seite. Deine rechte Hand spielt hier die hohen Melodietöne – im Gegensatz zur linken Hand, die auf der Bassseite den tiefen Rhythmus und die Begleitung spielt.

 

Der Balg:

 

Ein faltbarer Schlauch aus gefaltetem Karton, Leder und Stoff verbindet die beiden Holzkästen. Durch Auseinanderziehen und Zusammendrücken bewegt der Balg die Luft im Inneren.

 

Die Stimmzungen (Durchschlagzungen):

 

Die strömende Luft bringt kleine Metallplättchen (Stimmzungen) im Inneren zum Schwingen, wodurch der Ton erzeugt wird.

 

Die verschiedenen Arten von Harmonika-Instrumenten:

 

Handharmonikas nutzen alle dieselbe Krafterzeugung durch Luftbewegung, unterscheiden sich aber in der Anordnung der Tasten und den Spielmechanismen:

 

Die Steirische Harmonika:

 

Besonderheit: Diatonisch und wechseltönig. Das bedeutet: Wenn du einen Knopf drückst, erklingt beim Ziehen des Balgs ein anderer Ton als beim Drücken.

 

Tastatur: Knöpfe auf der Diskantseite, angeordnet in 3 bis 5 Reihen. Jede Reihe ist auf eine bestimmte Tonart abgestimmt.

Klang: Charakteristisch sind die tiefen „Helikonbässe“, die extrem kräftig und tief klingen und Blasinstrumente wie eine Tuba nachahmen.

 

Das Standard-Akkordeon (Piano-Akkordeon) oder auch das Schifferklavier.

 

Besonderheit: Gleichtönig. Ein Druck auf dieselbe Taste erzeugt beim Ziehen und Drücken des Balgs exakt denselben Ton.

 

Tastatur: Die Melodieseite hat Klaviertasten (schwarze und weiße Tasten). Die Bassseite besitzt ein Feld aus vielen kleinen Knöpfen für Einzelbässe und fertige Akkorde.

 

Das Knopfakkordeon (Chromatisches Akkordeon):

 

Besonderheit: Ebenfalls gleichtönig, besitzt aber anstelle von Klaviertasten mehrere Reihen kleiner, runder Knöpfe auf der Melodieseite.

 

Vorteil: Durch die kompakte Knopfanordnung lassen sich große

Tonabstände sehr greifnah spielen.

Die Schrammelharmonika / Wiener Harmonika:

 

Besonderheit: Eine traditionelle ostösterreichische Sonderform, oft diatonisch mit Knöpfen gebaut. Sie wird vor allem in der Wiener Schrammelmusik eingesetzt und hat einen weichen, schwebenden Klang.

 

Concertina und Bandoneon:

 

Besonderheit: Kompakte, sechseckige oder quadratische Gehäuseformen ohne große Bassmechanik-Felder. Beide Hände spielen Knöpfe, die direkt auf den Stirnseiten liegen. Das Bandoneon ist vor allem aus dem argentinischen Tango bekannt.

 

Franz Parz Sen. Spielt den   Jagasepp

 

Dieses Video zeigt den Gründer Franz Parz sen. beim Musizieren auf einer seiner selbst gebauten Harmonikas und vermittelt einen Eindruck vom traditionellen Klang des Semriacher Handwerks.

 

https://www.youtube.com/watch?v=7e9Dt2o7oB8

 

Als wir die Werkstatt betraten, umfing uns sofort eine dichte, beinahe greifbare Atmosphäre. Wir spürten augenblicklich, dass wir einen Raum betreten hatten, in dem Holz nicht nur verarbeitet, sondern behutsam zum Klingen gebracht wird.

 

Es fühlte sich an wie das Eintauchen in eine ganz eigene, geschützte Welt. Die absolute Hingabe an das Instrument war allgegenwärtig – eine handwerkliche Leidenschaft, die den Raum mit jedem feinen Werkzeugklirren mit Leben füllte. Es war ein Ort, der nicht nur für die Augen geschaffen schien, sondern ganz auf das Hören und Fühlen ausgerichtet war: die wahre Geburtsstätte des Klangs.

 

Bei Franz Parz wurde sofort spürbar, wie sehr er für die Steirische Harmonika und alles, was dazugehört, lebt. Ganz besonders freute es uns, dass er sich auf unsere Gruppe vorbereitet hatte: Anhand vorgefertigter Werkstücke erklärte er uns Schritt für Schritt die Herstellung einer Harmonika. So konnten wir die Entstehung des Instruments – vom ersten geleimten Kasten bis zum ersten erklingenden Ton – hautnah mitverfolgen.

Es ist faszinierend mitzuerleben, wie aus einem Baum das Innenleben einer Harmonika, aus einem Kartonschlauch ein Balg und aus einfachen Metallplättchen Stimmzungen werden. Und das Beste daran: Wir durften alles angreifen, ertasten und mit den Händen begreifen.

 

Aus wie vielen Teilen besteht nun so eine steirische Harmonika?

 

Die Diskantseite (Griffkasten / Melodieseite): Befindet sich rechts und enthält die Melodieknöpfe, Tastenmechanik und die Diskant-Stimmstöcke.

 

Der Balg: Das faltbare Mittelteil aus Leder, Karton und Stoff, das durch Auf- und Zuziehen den notwendigen Luftstrom erzeugt.

 

Die Bassseite (Basskasten): Befindet sich links und beinhaltet die Bass- und Begleitknöpfe, Helikonbässe, Stimmstöcke sowie das Luftsventil / die Lufttaste. (Diese Taste wird dann gedrückt wenn beim Auf- oder Zuziehen des Balgs kein Ton entstehen soll).

 

Diese drei Hauptteile sind meist über 8 Gehäusestifte (Balgstifte) miteinander verbunden und lassen sich zur Wartung oder Reparatur leicht voneinander trennen.

Wie viele Einzelteile stecken im Inneren?

 

Blickt man auf die genaue Verarbeitung, ist eine Steirische Harmonika ein hochkomplexes Kunsthandwerk. Je nach Modell (z. B. 3- oder 4-reihig) besteht ein einziges Instrument aus etwa 2.000 bis 2.500 Einzelteilen.

 

Dazu gehören unter anderem:

 

Stimmzungen und Stimmplatten (aus Präzisionsstahl und Messing/Aluminium)

Klappen, Hebel und Gestänge der Mechanik

 

Knöpfe (aus Holz, Horn, Perlmutt oder Kunststoff)

 

Ventile (aus Leder oder Kunststoffen auf den Stimmplatten)

 

Eckschoner, Streifen und Bünde am Balg

 

Tragriemen-Beschläge, Verdecke und Gehäuseteile aus Edelholz oder Spezialmaterialien

Anschließend hatten wir die Gelegenheit auszuprobieren, ob in uns ein Talent für das Spielen der Steirischen Harmonika schlummert. Besonders die Damen unserer Gruppe bewiesen hierbei großes Geschick.

 

In der Werkstatt von Franz Parz gibt es zudem ein Modell, bei dem über eine Speicherkarte automatische Musik abgespielt werden kann. Diese Harmonika wird vor allem dann erworben und eingesetzt, wenn man auf ein Ensemblespiel verzichten möchte oder muss. Nicht selten stellt sich dann ein Laienmusiker auf die Bühne und mimt den Profi. Anhand des Klangbilds und der unpassenden Bewegungen durchschaut das Publikum die Vorführung allerdings meist rasch als reine Show.

 

Nach diesen eindrucksvollen Einblicken in den Bau dieses traditionellen Instruments besuchten wir den Schauraum, der mit einer Vielzahl unterschiedlichster Exponate aufwartete.

 

Zu den besonderen Highlights zählten neben der Teufelsgeige und dem Schafflbass vor allem ein echtes Unikat aus dem Hause Franz Parz: seine selbst entwickelte Fasslharmonika.

Die Fasslharmonika ist eine weltweit einzigartige Sonderanfertigung im Design eines Holzfasses. Der verbaute, funktionsfähige Getränkebehälter ermöglicht es dem Musiker, während des Spielens direkt aus dem Instrument einen kleinen Durst zu löschen. Dieses raffinierte und kreative Zusammenspiel aus Gebrauchsgegenstand und Musikinstrument hat sich Franz Parz rechtlich schützen lassen. Neben ihrer spektakulären Optik besticht die Fasslharmonika als vollwertiges, original spielbares Musikinstrument mit vollem Klang.

 

Am 01.10.2012 kam es durch einen Kurzschluss  zu einem Großbrand bei der Harmonikaerzeugung. Damals wurde die historische Werkstatt inklusive zahlreicher gelagerter Edelhölzer, Spezialwerkzeuge und fertiger Instrumente weitgehend zerstört.

Nach dem verheerenden Brand baute die Familie Parz den Traditionsbetrieb wieder auf und setzte die handwerkliche Fertigung von Steirischen Harmonikas fort.

 

Nach diesen faszinierenden Eindrücken war es wieder an der Zeit, unsere Reise fortzusetzen. Wir fuhren weiter zu unserem nächsten Ziel in Semriach. Zuvor kamen wir jedoch an Stellen vorbei, die für mich von ganz besonderer Bedeutung sind. Gleich nach der Harmonikaerzeugung Parz liegt auf der linken Seite der Landesstraße mein Elternhaus. Hier stand bis 1974 auch unsere Mühle, deren Haus- beziehungsweise Vulgoname bis heute „Schmollmühle“ lautet.

 

1974 wurde das historische Gebäude im Zuge des Neubaus und der Verbreiterung der Landesstraße abgerissen.

Nach dem Abbruch wurden zahlreiche historische Teile sowie Ausstattungsgegenstände der Schmollmühle an das nahegelegene Österreichische Freilichtmuseum Stübing übergeben, wo sie als Kulturgut für die Nachwelt erhalten bleiben.

 

Damals war geplant, die Mühle spektakulär zu sprengen. Über mehrere Wochen hinweg wurden unzählige Löcher gebohrt und mit Sprengstoff befüllt. Am Tag der Sprengung herrschte große Aufregung – 1974 war so ein Ereignis schließlich eine Besonderheit. Die Experten erklärten vorab, dass es einen lauten Knall geben und das Gebäude anschließend in sich zusammenfallen werde. Auch die Medien, einschließlich des ORF, waren vor Ort.

 

Schließlich erfolgte die Sprengung: Es gab einen lauten Knall – doch die Mühle stand noch genauso da wie vor 200 Jahren, ohne auch nur einen einzigen Kratzer. Daraufhin wurden dicke Seile durch die Fenster gespannt, um die Wände mithilfe von Planierraupen herauszureißen. Aber das Bauwerk hielt stand. Schließlich blieb den Arbeitern nichts anderes übrig, als das Haus vom Dach aus Schritt für Schritt nach unten abzutragen. Die Mühle verfügte immerhin über 1,5 Meter dicke Steinmauern.

 

Nach etwa 700 Metern erreicht man auf der rechten Seite die Volksschule Augraben, in der sich heute auch ein Kindergarten befindet. Hier habe ich meine ersten Schritte in die Schulzeit gewagt. Schon damals wurden alle vier Schulstufen gemeinsam in einem einzigen Klassenzimmer unterrichtet.

 

Im Umfeld der Schule befand sich einst der dritte Gasthof der Umgebung, den es heute ebenfalls nicht mehr gibt: der Papstwirt.

Das Aufstellen und Umschneiden des Maibaums sowie Frühlings- und Sommerfeste wurden hier stets groß gefeiert. Und hier gab es auch die Schokolade von Bensdorp für ein oder zwei Schilling – mit der blauen oder grünen Schleife. Der Wirt hat damals recht gut von meinem Taschengeld gelebt.

 

An dieser Stelle befindet sich nach wie vor die Postbushaltestelle, von der aus ich später in die Hauptschule nach Semriach gefahren bin. Ich kann mich noch sehr gut an die alten Schnauzenbusse erinnern: Der Fahrer zog die Tür manuell mit einem Lederriemen zu, und im Winter mussten nicht selten Schneeketten aufgezogen werden.

 

Schließlich fuhren wir die steile und kurvenreiche Straße nach Semriach hinauf. Passend dazu gibt es auf YouTube ein schönes Video von Motorradfahrern, die genau diese Strecke befahren (Titel: „Biken in Semriach“).

 

https://www.youtube.com/watch?v=7Db0niqNixA

 

 

Dann erreichten wir das Hochplateau von Semriach und fuhren durch den kleinen ort.

 

Semriach ist eine Marktgemeinde im Bezirk Graz-Umgebung, rund 25 Kilometer nördlich von Graz.

Sie liegt eingebettet in die hügelige Landschaft des Passailer Beckens im Grazer Bergland.

 

Das Ortszentrum liegt auf ca. 708 Metern über dem Meeresspiegel. Das Gemeindegebiet erstreckt sich von tiefer gelegenen Gräben bis hinauf auf die Höhenlagen des Schöckls (1.445 Meter).

 

Das Gemeindegebiet umfasst rund 48,7 Quadratkilometer. In Semriach leben etwa 3.300 Menschen.

 

Die Landschaft rund um den Ort ist geprägt von sanften Kuppen, dichten Mischwäldern, saftigen Almen und tiefen Schluchten.

 

Der Schöckl: Der Grazer Hausberg grenzt direkt an das Gebiet. Früher gab es einen Sessellift von der Semriacherseite auf den Schöckel. Da musste man während der Fahrt auf- oder abspringen. Und der Gipfel war immer ein Ziel bei Schulausflügen. Natürlich über die extrem steile Trasse unter dem Sessellift.

 

Am Schöckl steht eine bedeutende Großsendeanlage für Fernsehen und Radio.

Betrieben wird der knapp 100 Meter hohe Sendeturm (interner Standortname GRAZ 1) von der ORS (Österreichische Rundfunksender GmbH), einer Tochtergesellschaft des ORF.

Im Ort befinden sich traditionelle Geschäfte , wie die Bäckerei oder Konditorei Pfleger. In meiner Schulzeit kam ich öfter zu Spät zum Unterricht weil ich in der Konditorei noch schnell am Flipper oder an den neuen elektronischen Ping-Pong Automaten spielte. Die Bäckerei ist für ihr Bauernbrot bekannt. Es ist eines der Besten. Sogar Frank Stronach hat das Rezept vom Pflegerbrot nach Kanada mitgenommen.

 

Vorbei ging es an der Kirche, den Friedhof und den Sportplatz und nach etwa 2 Km waren wir am Ziel.

 

Als wir am Gelände der Lurgrotte ankamen , wechselte die Atmosphäre spürbar von einer sonnigen Freiluft- und Wiesenlandschaft hin zu einem schattigen, kühleren Felsenkessel.

 

Wir befanden uns in einer Umgebung , die von hoch aufragenden Felswänden (der sogenannten Lurwand) eingerahmt wird.

 

 

Wir befanden uns beim Eingang zur Lurgrotte auf der Semriacher Seite und erwarteten unseren Höllenführer, Herrn Schinnerl.

 

Hier betritt man die Hölle durch das natürliche Schluckloch (Ponnör) des Lurbachs – dort, wo der Bach spurlos im Berg verschwindet. Der Eingang liegt am Fuß einer steil aufragenden Kalkfelswand. Er wirkt wie ein breites, dunkles Felstor, das sich schräg nach unten in den Berg hineinneigt.

 

Die Lurgrotte:

 

Die Lurgrotte ist Österreichs größte wasserführende Tropfsteinhöhle und verbindet die Orte Semriach und Peggau durch das Karstmassiv der Tanneben. Seine Geschichte ist eng verknüpft mit Pioniergeist, Dramatik und jahrzehntelangem Familieneinsatz.

 

Obwohl die Vorhöhlen der Lurgrotte der lokalen Bevölkerung seit Jahrhunderten bekannt waren, gilt der 1. April 1894 als das offizielle Entdeckungsdatum der tieferen Höhlensysteme:

 

Der italienische bzw. steirische Höhlenforscher Max Brunello drang an diesem Tag mit einer Expedition tiefer in das System vor und entdeckte den „Großen Dom“.

 

Schon 1895 begannen erste Führungen. Den gezielten kommerziellen Ausbau als Schauhöhle trieb ab 1930 vor allem die Familie Schinnerl voran. Zusammen mit Höhlenforschern wurden Stege, Geländer und Beleuchtungen installiert. Im Februar 1935 gelang schließlich erstmals die vollständige Durchquerung der Lurgrotte von Semriach nach Peggau.

 

Das Drama um die eingeschlossenen Höhlenforscher (1894)

 

Kurz nach der Entdeckung wurde die Lurgrotte schlagartig weltberühmt. Am 28. April 1894 stieg eine siebenköpfige Gruppe von Höhlenforschern trotz drohender Regenfälle tiefer in die Höhle ein.

 

Starke Regenfälle ließen den Lurbach rapide ansteigen und schnitten den Forschern den Rückweg komplett ab.

 

Die Nachricht von den Gefangenen im Berg löste internationales Aufsehen aus. Sogar Kaiser Franz Joseph I. griff ein und ordnete Unterstützung an. Nach neun Tagen bangen Wartens und mühsamen Vortriebs mittels Felssprengungen konnten alle sieben Forscher am 6. Mai 1894 lebend gerettet werden.

 

Das verheerende Hochwasser von 1975:

 

Jahrzehntelang war die Lurgrotte ein beliebtes Ausflugsziel und eine durchgehende Schauhöhle zwischen Semriach und Peggau.

 

Am 15. Juli 1975 brach nach enormen Niederschlägen eine verheerende Hochwasserkatastrophe über das Gebiet herein.

 

Vor dem Höhleneingang in Semriach staute sich das Wasser bis zu 10 Meter hoch auf. Die gewaltigen Wassermassen spülten große Mengen Geröll, Schlamm und Baumstämme in das Höhlensystem, zerstörten die Brücken, Stege und die elektrische Beleuchtung fast vollständig.

 

Seit diesem Hochwasser ist eine durchgehende Begehung der Lurgrotte nicht mehr möglich, da die tief liegenden Syphone seither wieder dauerhaft verschüttet sind. Beide Höhlenseiten (Semriach und Peggau) werden seither unabhängig voneinander als Schauhöhlen geführt.

 

Auch ich kann mich an dieses Hochwasser von 1975 gut erinnern. Schließlich standen wir auch durch den Rütschbach im Augraben unter Wasser. Innerhalb von 30 Minuten hat sich eine Katastrophe angebahnt. In dieser Zeit stand das gesamte Tal unter Wasser. Ein Wasser, dass sich reißend durch das Tal seinen bahnte.

 

Der Semriacher Höhlenteil befindet sich im Eigentum der Familie Schinnerl.

 

Die Tradition begann 1930 mit Peter Schinnerl Und  Heute wird die Schauhöhle in fünfter  Generation von Andreas Schinnerl und seiner Familie geführt.

 

Andreas Schinnerl führte uns dann auch durch seine Lurgrotte mit all seinen Facetten. Durch seine Langjährige Erfahrung von 40 Jahren hatt er schon einiges erlebt und das konnte er uns auch sehr gut vermitteln.

 

Für Blinde und Sehbehinderte, die auch gut bei Fuß sind, stellt der Weg durch die Lurgrotte kein besonderes Hindernis oder Hürde da. Die Führungswege sind befestigt, teils betoniert, teils geschottert oder mit Gitterroststufen versehen. Feste Schuhe mit rutschfester Sohle sind unerlässlich.

 

An allen Wegstrecken verlaufen durchgehende Geländer oder Handläufe, an denen man sich hervorragend orientieren und festhalten kann.

 

Da die Lurgrotte eine aktive Wasser- und Tropfsteinhöhle ist erwartet uns ein extrem reichhaltiges, mehrsensorisches Erlebnis:

 

In der Höhle herrscht ganzjährig eine konstante Temperatur von ca. 9 bis 10 °C. Es empfiehlt sich daher auch im Sommer eine warme Jacke und keine Sandalen.

 

Die Führung entführt uns in eine faszinierende Unterwelt aus kühler Höhlenluft, sanft tropfendem Wasser und der spürbaren Akustik mächtiger Felsformationen. Entlang des gut ausgebauten Führungsweges geht es über etwa 200 Stufen tief in den Berg hinein. Besondere Vorsicht gilt in den engeren Verbindungsstollen und Felsdurchgängen: Hier sollte man den Kopf deutlich einziehen, um Kontakt mit tief hängenden Felsvorsprüngen zu vermeiden.

 

 

Hier konnten wir eine der eindrucksvollsten Tropfsteinlandschaften Mitteleuropas erleben.

 

kohlensäurehaltiges Wasser, das über Jahrtausende durch den Kalkstein sickert, haben sich hier vielfältige Gebilde geformt:

 

Der „Riese“: Das bekannteste Highlight der Semriacher Höhle ist der größte freihängende Tropfstein der Welt. Er misst rund 13 Meter in der Höhe, wiegt etwa 40 Tonnen und besitzt einen Umfang von gut 9 Metern.

 

Was für uns natürlich ein schönes Fotomotiv war.

 

Der Große Dom: Eine gewaltige unterirdische Halle (einer der größten Höhlendome Mitteleuropas), in der zahllose filigrane Stalaktiten von der Decke hängen und mächtige Stalagmiten emporwachsen.

 

Neben klassischen Tropfsteinen gibt es terrassenförmige Kalkbecken mit kristallklarem Wasser sowie flächige Kalksinter-Überzüge an den Felswänden, die wie erstarrte Wasserfälle wirken.

 

Entlang des Lurbachs finden sich verschieden geformte Tropfsteingruppen, die mitunter fantastische Formen annehmen (z. B. Säulen, Wandsintervorhänge oder schlammartig wirkende, aber steinharte Kalkkegel).

 

Unterschied: Stalaktiten vs. Stalagmiten (vs. Stalagnaten)

 

Der Unterschied liegt in der Wuchsrichtung und der Entstehung:

 

Stalaktit:

 

Hängt von oben nach unten (von der Decke).

 

Wächst durch Wassertropfen, die an der Decke hängen bleiben und beim Abperlen gelösten Kalk ablagern.

 

Stalagmit:

 

Wächst von unten nach oben (vom Boden).

 

Entsteht dort, wo Tropfen von der Decke auf den Boden treffen und den restlichen Kalk ablagern.

 

Stalagnat:

 

Vollständige Säule (durchgehend).

 

entsteht, wenn ein Stalaktit und ein Stalagmit zusammenwachsen und eine tragende Wand/Säule bilden.

Der Höhepunkt bei unserer Führung war das Licht-Klang-Erlebnis im Großen Dom, bei dem Musik eingespielt wird. Durch die gewaltige Raumhöhe der Halle entfaltet die Musik eine beeindruckende räumliche Resonanz.

 

Die beeindruckenden Ausmaße des großen Doms:

 

Länge: ca. 120 Meter

Breite: ca. 80 Meter

Höhe: ca. 40 Meter

Er zählt damit zu den größten Höhlendomen Mitteleuropas.

 

Videoaufnahme vom Licht-Klang-Erlebnis im großen Dom:

 

https://www.hojas.co.at/extern/audio/Lurgrotte.mp4

 

© Video September 2026 by Gregor Piringer)

 

 

Mit diesen besonderen Eindrücken von der Lurgrotte und den faszinierenten Erzählungen von Andreas Schinnerl machten wir uns auf dem Rückweg. Schließlich konnten wir die Höllenwelt auch mit den Fingern erforschen und ertasten. Was einen bleibenden Eindruck hinterlassen wird.

 

Ich war 2016 in der Lurgrotte und es hat mich gefreut, dass mich    Andreas Schinnerl wieder erkannt hat.

 

Hörbild des Brunnentroges mit rinnenden Wasser aus einem Rohr wie in alten Zeiten:

 

https://www.hojas.co.at/extern/audio/Trinkbrunnen_bei_Lurgrotte.MP3

 

Mit diesem letzten Eindruck der Lurgrotte machten wir uns wieder auf den Rückweg. Wir fuhren die Strecke zurück bis in den Augraben und bogen beim Papstwirt links in die Kesselfallstraße zum Sandwirt ein. Nach etwa zwei Kilometern hatten wir das Gasthaus erreicht, wo die Straße schließlich endete. Von dort aus führten nur noch ein befestigter Schotterweg zu den umliegenden Bauernhöfen sowie ein Fußweg zum Eingang der Kesselfallklamm.

 

Dank dieser ruhigen Lage, fernab jeglicher Lärmquellen, ließ es sich im schattigen Gastgarten wunderbar sitzen und das Essen sowie die Getränke genießen. Auch hier gab es wieder mein beliebtes Himbeerkracherl.

 

Der Sandwirt ist das letzte verbliebene von einst vier Gasthäusern entlang des Augrabens. Als beliebtes Ausflugsziel liegt er direkt am Eingang zur Kesselfallklamm und ist durch eine nahegelegene Bushaltestelle sehr gut erreichbar. Häufig reisen Schulklassen aus Graz mit dem Postbus an, wandern durch die Klamm nach Semriach und fahren am Abend wieder zurück.

 

Die Kesselfallklamm (Die kleine Schwester der Bärenschützklamm):

 

Die Kesselfallklamm zählt zu den eindrucksvollsten Naturdenkmälern der Mittelsteiermark. Der Rötschbach stürzt hier über mehrere Felsstufen und gelbe Kalksteinformationen tosend in die Tiefe. Erschlossen ist die wildromantische Schlucht durch ein gut ausgebautes System aus Holzstegen, Brücken und über 500 Treppenstufen. Der Weg führt schattig und bestens gesichert unmittelbar am Wasser sowie an steilen Felswänden entlang.

 

Das tosende und rauschende Wasser des in die Tiefe stürzenden Rötschbachs hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen; von diesen Klängen bin ich nach wie vor fasziniert.

 

Fasziniert war beim Bezahlen auch die Bedienung beim Sandwirt: Alfons demonstrierte eindrucksvoll, wie sich Geldscheine durch Erfühlen und Ertasten unterscheiden lassen. Das hat den Kellner sichtlich beeindruckt – auch er hat an diesem Tag sicherlich etwas Neues und Wichtiges dazugelernt.

 

Für die passende musikalische Untermalung beim Sandwirt sorgte ein Stammtisch von Harmonikaspielern, der dort sein Treffen abhielt. So kamen wir in den Genuss ihrer Musik und wurden stimmungsvoll „hinausgespielt“.

 

Schließlich nahmen wir Abschied von einem rundum gelungenen, erlebnisreichen Tag und traten den Heimweg an, auf dem uns Günter wieder sicher nach Hause brachte.

 

Mein besonderer Dank gilt allen, die diesen Tag mit so viel Engagement begleitet haben: der Familie Parz, Andreas Schinnerl, meinem Bruder Günter und allen weiteren Begleitpersonen. Ohne Ihre und eure Unterstützung wäre dieser Tag nicht dasselbe gewesen.

 

Donnerstag, 17.09.2026: Von der Murinsel,einer besonderen Treppe bis zu den Liebesschlössern und einem Erzherzog.

 

Für den heutigen Tag stand die Erkundung von Graz auf unserem Programm. Obgleich sich das Wetter am Morgen nicht von seiner besten Seite zeigte, waren wir dank passender Kleidung bestens gerüstet. Da die S-Bahn-Linie S1 im Halbstundentakt verkehrt, konnten wir unsere Tagesgestaltung flexibel und entspannt einteilen.

 

Als unsere Schnellbahn in den Bahnhof Judendorf-Straßengel einfuhr, erlebten wir eine besondere Premiere: Vor uns hielt ein neuer ÖBB Cityjet-Doppelstockzug, der erst seit dem 13. September 2026 im Einsatz ist und auf der Strecke zwischen Spielfeld-Straß und Mürzzuschlag verkehrt.

 

Den vollen Komfort der neuen Zuggarnitur konnten wir allerdings kaum austesten, da die Fahrt bereits nach einer einzigen Station und wenigen Minuten am Grazer Hauptbahnhof endete.

 

An der großen Straßenbahnhaltestelle des Hauptbahnhofs stiegen wir in die nächstbeste Linie Richtung Innenstadt ein. Unser Ziel war die Haltestelle Südtiroler Platz, Mit dem Zugang in die Mariahilfer Straße.

 

Am Beginn der Mariahilfer Straße befindet sich das „Friendly Alien“ – das prägnante Grazer Kunsthaus von Weltruf. Es wurde im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres 2003 errichtet und gilt seither als architektonisches Wahrzeichen der Stadt. Seine außergewöhnliche Formgebung und das innovative Design heben das Gebäude deutlich von klassischen Ausstellungsbauten ab und machen es zu einem einzigartigen Zentrum für zeitgenössische Kunst.

 

Hier startete unser gemütlicher Spaziergang durch die Mariahilfer Straße, die das Herzstück des Grazer Lendviertels bildet.

 

Vor mehr als 45 Jahren galt diese Gegend noch als berüchtigter Rotlichtbezirk voller Nachtclubs und Etablissements. Heute hat sich das einstigen Scherbenviertel zu einem lebendigen Kreativquartier entwickelt, das mit trendigen Geschäften, kleinen Läden und vielseitiger Gastronomie zum Flanieren und Verweilen einlädt.

 

Beim Schlendern durch die Straße bot sich immer wieder ein schöner Blick hinauf zum Uhrturm, während wir unseren Weg parallel zur Mur und zum Lendkai fortsetzten.

 

Unser erstes Etappenziel war das tag.werk in der Mariahilfer Straße 13.

 

Das Projekt tag.werk der Caritas Steiermark ist eine Beschäftigungsinitiative für Jugendliche und junge Erwachsene in schwierigen Lebenslagen.

In den hauseigenen Werkstätten fertigen die Jugendlichen unter fachkundiger Anleitung kreative Upcycling-Produkte wie Taschen, Notebook-Hüllen und Wohnaccessoires aus wiederverwerteten Materialien.

Die dort hergestellten Unikate werden direkt im angeschlossenen tag.werk-Shop verkauft.

 

Im Geschäft konnten wir uns von den kreativen Ideen der Jugendlichen einen Eindruck machen und die Taschen , Geldbörsen oder Rucksäcke selber anfassen und die verschiedenen Materialien kennenlernen. Ich persönlich würde keinen Cent mehr an Vereine spenden sondern solche Produkte erwerben. Schließlich steckt hier schon eine Arbeit dahinter und man bezahlt diese Arbeit.

 

Nachdem wir uns im Laden umgesehen hatten und auch einige Produkte zeigen ließen traten wir wieder auf die Mariahilfer Straße hinaus. In der Zwischenzeit hatte auch der Regen aufgehört und er kam auch nicht mehr wieder.

 

Wir gingen durch die kurze Lendgasse Richtung Lendkai und gingen kurz auf dem Mursteg um unser nächstes Ziel von hier aus zu sehen. Auch akustisch hat diese Stelle etwas zu bieten. Hier wurden künstliche Stromschnellen in der Mur angebracht und so ist hier das Rauschen der Mur besonders intensiv.

 

Video von der rauschenden Mur und der Murinsel:

 

https://www.hojas.co.at/extern/audio/Murinsel.mp4

 

© Video September 2026 by Gregor Pirninger.

 

Der Mursteg beim Lendkai ist eine Fußgänger- und Fahrradbrücke über die Mur, die den Lendkai mit dem linken Murufer verbindet. Er wurde 1992 als schlichte, funktionale Stahlkonstruktion für den Alltagsverkehr errichtet und diente lange Zeit als einfache Querung nahe dem Schlossbergplatz. Im Jahr 2003 wurde er zu Ehren des Grazer Gemeinderats Erich Edegger in Erich-Edegger-Steg umbenannt.

 

Unser nächstes Ziel war die bekannte Murinsel mit ihrem barrierefreien Zugang auf der rechten Murseite. Über den schönen, schattigen Weg gelangten wir schließlich auf das Bauwerk.

 

Die Murinsel ist vollständig barrierefrei zugänglich und befahrbar. Vom rechten Murufer aus führt eine asphaltierte Rampe mit moderater Steigung (ca. 6–10 %) zur Insel. Vom linken Ufer ergänzt eine Kombination aus Rampe (ebenfalls ca. 6–10 % Steigung) und Aufzug den Zugang. Dadurch können Rollstuhlfahrer, Personen mit Kinderwagen oder Gehschwierigkeiten die Stege und die Plattform problemlos nutzen.

 

Entworfen wurde das schwimmende Bauwerk von dem New Yorker Künstler Vito Acconci anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2003 in Graz. Ursprünglich nur als temporäre Installation geplant, entwickelte sich die Insel schnell zu einem beliebten Treffpunkt und dauerhaften Wahrzeichen der Stadt.

 

Die Murinsel ist keine klassische Insel, sondern eine 47 Meter lange und 16 Meter breite muschelförmige Stahlkonstruktion, die auf der Mur schwimmt. Verankert ist sie flussaufwärts an einem Betonpfahl durch zwei mächtige Stahlseile mit einer Tragkraft von jeweils 135 Tonnen.

 

Im Inneren der geschwungenen Muschel befinden sich ein beliebtes Café sowie ein Bereich für Veranstaltungen und Ausstellungen. Das offene Amphitheater dient als Treffpunkt im Freien. Zudem verbindet die Insel die beiden Flussufer miteinander und fungiert so als Fußgängerbrücke zwischen der historischen Altstadt und dem modernen Bezirk Lend.

 

Zufällig wurde bei unserem Besuch auf der Murinsel eine Ausstellung eröffnet. Diese Ausstellung trägt den Titel „Handwerk als Kulturgut“.

 

Die Ausstellung verfolgt im Wesentlichen folgende Ziele:

Sichtbarkeit für regionales Handwerk: 20 ausgewählte Handwerksbetriebe und Manufakturen aus Graz und der Region (von Holz, Keramik, Glas und Textil über Schmuck bis hin zu kulinarischen Spezialitäten) sowie die Menschen hinter den Produkten w0erden vor den Vorhang geholt.

 

Auch die Familie Parz mit ihrer Harmonikaerzeugung konnten wir auf der Bildergalerie ausfindig machen.

 

Die Freiluft-Ausstellung ist bis 10. November rund um die Uhr zu sehen.

 

Wir wurden von sehr freundlichen Angestellten der Insel empfangen und bekamen einen sehr gemütlichen Tisch und genossen unsere ersten Getränke am heutigen Tag in Graz.

 

Uns fielen der Tisch und die Sitzbänke auf. Das war keine standardmäßige Ausstattung sondern schon Kunst.

 

Bei diesen Tischen handelt es sich um eine Verbindung aus Handwerkskunst und funktionalem Produktdesign. Sie sind nicht Teil des ursprünglichen Kunstwerks von Vito Acconci, sondern wurden 2017 im Zuge einer Neugestaltung des Cafés von dem steirischen Tischler und Innenausstatter Raimund Gamerith entworfen.

 

Die Gestaltung zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

 

Spalt als Design- und Funktionselement: Der charakteristische Spalt bzw. die Fuge in der Mitte teilt die Massivholzplatte optisch. Das lässt das Möbelstück einerseits trotz des robusten Materials leichter und moderner wirken, dient aber andererseits auch dem Holzschutz (damit das Holz bei schwankender Luftfeuchtigkeit auf dem Fluss arbeiten kann).

 

Verbindung zweier Welten: Idee des Künstlers war es, die kühle, organisch-futuristische Stahl- und Glasarchitektur Acconcis mit der Wärme von heimischem Holz zu kontrastieren.

 

Regionale Handwerkskunst: Die Möbel wurden als Schauseite der Grazer Kreativ- und Designszene gefertigt.

Die Tische sind also modernes Möbeldesign mit handwerklichem Kunstanspruch, geschaffen als gezielter Gegenpol zur futuristischen Inselarchitektur.

 

 Dieses einzigartiges Gebilde auf der Mur hat seinen eigenen Charme und Gemütlichkeit. Trotzdem mussten wir nach einiger Zeit dieses gemütliche Ambiente verlassen. Diesmal nahmen wir den Lift auf der Schlossbergseite nahmen so Abschid von der Insel auf der Mur.

 

Wir gingen entlang der Mur bis zur Erzherzog-Johann-Brücke. (umgangssprachlich wird diese Brücke von vielen Grazerinnen und Grazern weiterhin einfach Hauptbrücke genannt). Dort bogen wir in die Murgasse und nach wenigen Minuten in die schmale Paradeisgasse ein, die uns zum Paradeishof führte.

 

Die Paradeisgasse ist eine kleine, charmante Fußgängerpassage – stellenweise kaum mehr als zwei Meter breit –, die direkt in den historischen Paradeishof führt. Mit ihren überdachten Abschnitten und dem traditionellen Pflaster verkörpert sie den typischen Charakter einer schmalen Altstadtgasse.

 

Am Ende dieses engen Durchgangs öffnet sich überraschend der denkmalgeschützte Paradeishof. Dieser Renaissance-Innenhof liegt im Gebäudekomplex des Kaufhauses Kastner & Öhler und wirkt wie ein geschützter, ruhiger Raum. Die dreigeschossigen, umlaufenden Arkadengänge mit ihren steinernen Rundbögen im Erdgeschoss und den darüberliegenden Säulengängen verleihen ihm eine erhabene Atmosphäre, die völlig vom Trubel der nahegelegenen Murgasse abgeschnitten scheint.

 

Die Wurzeln des Areals gehen auf ein ehemaliges protestantisches Stiftsgymnasium sowie ein späteres Kloster zurück. Der Name „Paradeis“ leitet sich vom Wort Paradies ab und verweist auf das historische Klarissinnenkloster „Zu den Allerheiligen im Paradeis“, das 1602 von Erzherzogin Maria gestiftet wurde. Unter den Arkaden erinnert zudem eine Gedenktafel daran, dass der Mathematiker und Astronom Johannes Kepler hier Ende des 16. Jahrhunderts lehrte. Heute vereint der Paradeishof historische Architektur, Einkaufsflair und Gastronomie.

 

Wir durchquerten das traditionsreiche Kaufhaus Kastner & Öhler – das als einziges der großen historischen Warenhäuser in Graz erhalten geblieben ist – und traten auf der gegenüberliegenden Seite auf die Sackstraße heraus. Diese Fußgängerzone führt direkt zum Schlossbergplatz. Wer es gemütlicher mag, kann auch die regelmäßig durch die Sackstraße fahrenden Straßenbahnen nutzen, die direkt am Schlossbergplatz und bei der Murinsel halten.

 

Die Sackstraße in Graz ist der älteste noch bestehende Straßenzug der Stadt, der im frühen 12. Jahrhundert angelegt und nach der ehemaligen mittelalterlichen Stadtmauer benannt wurde. Historisch geprägt von prachtvollen Adelspalais, Handwerkern und dem heutigen Antiquitäten- sowie Kunsthandel, gilt sie als kulturelle „Kunstmeile“. Sie führt vom Grazer Hauptplatz nach Norden zwischen dem Schloßberg und der Mur bis zum Kaiser-Franz-Josef-Kai bzw. zur Keplerbrücke.

 

Am Schlossbergplatz befindet sich der Zugang zum Felsstollen, über den man zum gläsernen Schlossberglift im Inneren des Berges gelangt. Nachdem wir unsere Tickets gelöst hatten – für Menschen mit Behinderung und deren Begleitpersonen ist die Nutzung kostenlos –, machten wir uns auf den Weg zum Lift.

 

Direkt im Zugangsbereich fällt eine Besonderheit ins Auge: Hier endet der Auslauf der Schlossberg-Rutsche. Diese zählt mit einer Streckenlänge von rund 170 Metern und einer Höhendifferenz von 64 Metern zu den längsten Indoor-Trockenrutschen der Welt. Auf Spezialmatten gleitet man in etwa 40 Sekunden mit bis zu 25 km/h durch eine imposante Röhrenkonstruktion mitten im Berg hinab. Der Einstieg befindet sich an der Bergstation des Lifts bei der Uhrturm-Kasematte.

 

Nach unserer Liftfahrt nach oben und dem Verlassen des gläsernen Liftpavillons eröffnete sich uns ein eindrucksvoller Blick nach Süden und Südwesten über die roten Ziegeldächer der Grazer Altstadt. Ein leicht ansteigender Pflasterweg führt von der Station direkt in den Schlossbergpark und zu den umliegenden Aussichtsplateaus.

 

Unser Ziel war jedoch der Uhrturm, das berühmte Wahrzeichen von Graz. Der 28 Meter hohe Turm hat seinen Ursprung im 13. Jahrhundert und diente ursprünglich als Teil der Befestigungsanlage. Seine heutige charakteristische Form mit

dem überkragenden hölzernen Wehrgang erhielt er um 1560.

 

Er steht am Südwesthang des Schlossbergs auf einer Seehöhe von etwa 424 Metern, was einer Höhe von rund 73 Metern über dem Grazer Hauptplatz entspricht.

 

 

Eine Besonderheit sind die Zeiger der vier großen Zifferblätter: Der große, prächtige Zeiger zeigt die Stunden an, der kleinere die Minuten. Dies rührt daher, dass die Uhr ursprünglich nur einen Stundenzeiger besaß, damit die Zeit auch aus großer Distanz gut ablesbar war. Erst im 18. Jahrhundert wurde der kleinere Minutenzeiger ergänzt. Neben der Zeitanzeige diente der Turm mit seinen drei Glocken auch als Signalstation, um vor Bränden zu warnen, die Stunden zu schlagen oder die Sperrstunde sowie Hinrichtungen anzukündigen.

 

Damit auch blinde und sehbehinderte Menschen diese Baukultur erleben können, steht an der Nordseite des Uhrturms ein dreidimensionales Tastmodell aus Bronze. So hatten wir sowohl das Original als auch das Modell vor uns: Man konnte am Bronzemodell die Form, die Proportionen und die Struktur der Zifferblätter exakt ertasten. Beim Blick auf das Original ließen sich zudem die echten Mauern, Hölzer, Zargen und Türen greifbar erfahren.

 

Nach einigen Fotos besuchten wir noch eine Aussichtsplattform, um den weiten Blick über die Ziegeldächer und die hügelige Umgebung von Graz zu genießen. Mit diesen wunderschönen Eindrücken verließen wir den Schlossberg, fuhren mit dem Lift wieder hinab zum Schlossbergplatz und spazierten durch die Sackstraße zurück in Richtung Hauptplatz.

 

Den Hauptplatz ließen wir jetzt einmal rechts liegen Und wir steuerten die Sporgasse an. Die Sporgasse in Graz ist eine historische Straße, die älter ist als die Stadt selbst. Sie führt vom Hauptplatz hinauf zum Schlossberg und ist heute eine beliebte Fußgängerzone. Sie ist auch bekannt für ihre steilen Anstiege und historischen Gebäude.

 

Die Straße hat ihren Namen von den Sporenmachern und Waffenschmieden, die hier im Mittelalter ansässig waren. Heute würde man sie vielleicht Strudelgasse nennen.  Vor längerer Zeit gab es in der Sporgasse ein Lokal, dass nur Strudel auf jede erdenkliche Art auf der Speisekarte hatte. Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise, alles Strudel.

 

Nach einigen Minuten Anstieg bogen wir rechts in die Hofgasse.

 

Diese Gasse verband einst die Residenz der Habsburger mit dem Stadtzentrum und beherbergt bedeutende historische Bauwerke:

 

Die Hofgasse selbst zeichnet sich durch ihr gut erhaltenes historisches Kopfsteinpflaster, alte Bürgerhäuser und romantische Durchgänge aus.

 

: Gleich zu Beginn der Gasse sticht uns auf der rechten Seite das reich geschnitzte Holzportal der ehemaligen k.u.k. Hofbäckerei ins Auge, die bereits dseit Jahrhunderten hier ihr Handwerk betreibt.

 

 

Das Portal der ehemaligen K. u. K. Hofbäckerei gehört zu den bedeutendsten Holzarbeiten des Historismus in Österreich. Es wurde 1896 vom Grazer Tischlermeister Anton Irschick geschaffen.

 

Das Portal besteht komplett aus aufwendig geschnitztem, dunkel gebeiztem Eichenholz und fügt sich als dreiteilige Front passgenau in die rundbogige Fassadenöffnung des spätgotischen Bürgerhauses ein.

 

In der Mitte befindet sich die zweiflügelige Eingangstür, die von zwei kunstvoll gedrehten Saugänsen/Freipfeilern (Torussäulen) gerahmt wird. Die Türflügel weisen dekorative Messingbeschläge und geschwungene Glaseinsätze auf.

 

Links und rechts der Tür befinden sich schmale Schaufester, deren Sockelbereiche reich mit ornamentalen Holzkassetten und Schnitzereien im Stil des Neobarock gestaltet sind.

 

Über den Türen und Schaufenstern spannt sich ein halbroundes, durchgehendes Oberlichtfenster mit feinen Sprossen.

 

Der Doppeladler: Zentrales Blickelement im oberen Bereich (im Keilstein des Bogens über dem Eingang) ist ein geschnitzter österreichischer Doppeladler mit der Reichskrone, der auf den Titel des k. u. k. Hoflieferanten hinweist.

 

In den geschnitzten Ornamenten und Medaillons sind klassische Symbole des Bäckereihandwerks eingearbeitet, wie stilisierte Kaisersemmeln, Brezeln und Getreideähren.

 

Das Portal steht heute unter Denkmalschutz und ist eines der meistfotografierten historischen Details der Grazer Altstadt.

 

So hatten wir die Gelegenheit dieses einzigartige Portal auch mit dem Tastsinn zu erkunden und die kunstvollen Schnitzereien kennenzulernen.

 

Wir machten uns weiter zum nächsten Ziel. Es war nicht das Schauspielhaus das am Weg lag sondern der Dom.

 

Der im 15. Jahrhundert unter Kaiser Friedrich III. erbaute Grazer Dom präsentiert sich von außen in einer schlichten, weiß verputzten Fassade. Im Inneren offenbart sich eine lichtdurchflutete, dreischiffige Hallenkirche. Hier verschmilzt die imposante gotische Architektur harmonisch mit einer prunkvollen barocken Ausstattung. Heute dient das Gotteshaus als Bischofskirche der Diözese Graz-Seckau und zählt zu den bedeutendsten kirchenhistorischen Schätzen der Steiermark.

 

Auch ohne visuellen Eindruck lässt sich der Raum eindrucksvoll über Akustik, Formen und Texturen erfahren. Die enorm hohe Decke verleiht den Tönen einen langen Nachhall und schafft eine majestätische Raumwirkung. Im Gegensatz zur glatten Außenfassade ist das Innere reich an dreidimensionalen, spürbaren Barock-Reliefs.

 

Das optische und räumliche Zentrum bildet der Hochaltar am Ende des Hauptschiffs, gefertigt aus dunklem, poliertem Holz, marmorierten Säulen und reich mit Blattgold verzierten Figuren. Ergänzt wird dieses Ensemble durch ein geschwungenes Chorgestühl mit tiefen Holzschnitzereien.

 

Beiderseits des Übergangs zum Altarraum stehen auf Marmorsockeln zwei kunstvolle Reliquienschreine. Diese dienten ursprünglich als Brauttruhen der italienischen Gräfin Paola Gonzaga und sind mit feinen, erhabenen Schnitzereien sowie Intarsien aus Elfenbein versehen.

 

Nach den Eindrücken im Dom gingen wir weiter Richtung Grazer Burg, dem heutigen Sitz der steirischen Landesregierung. Wir suchten den Innenhof auf um eine

berühmte Treppe zu besichtigen.

 

Die Grazer Burg ist ein geschichtsträchtiges Bauwerk, dessen Anfänge bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen.

 

Eine Besonderheit ist die Doppelwendeltreppe von 1499, die oft als „Versöhnungstreppe“ bezeichnet wird: Ihre zwei getrennten, aus Stein gehauenen Wendeltreppen schrauben sich gegengleich in die Höhe, laufen auf jedem Stockwerk kurz zusammen, sodass man sich gegenübersteht, und trennen sich dann wieder.

 

Akustisch spiegelt der hohe Treppenschacht jeden Schritt und gesprochene Wort eindrucksvoll wider.

 

Neben der spektakulären Treppe beherbergt das Areal historische Innenhöfe mit gotischen Architekturelementen, Reste der alten Grazer Stadtmauer sowie repräsentative Verwaltungs- und Empfangsräume.

 

Nachdem einige von uns die Wendeltreppe hinauf und natürlich auch wieder hinuntergegangen sind verabschiedeten wir uns von der Grazer Burg und der steirischen Landesregierung und machten uns durch enge Gassen auf dem Weg in die Herrengasse um von dort zum Hauptplatz zu gelangen.

 

Die Grazer Herrengasse ist eine der bekanntesten und historisch bedeutsamsten Prachtstraßen der steirischen Landeshauptstadt. Sie führt vom Hauptplatz im Norden bis hin zum Jakominiplatz im Süden. Entlang dieser belebten Flanier- und Einkaufsmeile reihen sich prunkvolle historische Adelspalais wie das Grazer Landhaus sowie zahlreiche Geschäfte und Kaffeehäuser aneinander.

 

Die Herrengasse ist die zentrale Ader des Grazer Straßenbahnnetzes; sämtliche Tramlinien der Stadt verlaufen auf ihren Schienen zwischen Hauptplatz und Jakominiplatz.

 

Durch die vielen Geschäfte, Lokale und Kaffeehäuser auf beiden Seiten der Straße ist hier immer ein reges Treiben. Trotzdem hat die Herrengasse im Jahr 2015 schlimmes  erlebt.

 

Es war ein schreckliches Ereignis, das die Stadt tief erschütterte, die Amokfahrt in Graz am 20.06.2015. In der Herrengasse wurde ein 4 Jähriges Kind getötet. Insgesamt gab es bei dieser Amokfahrt 3 Tote.

 

Man muss immer wieder erkennen, dass Licht und Schatten sehr nahe beieinander liegen. Und man immer hoffen muss, wenn solche Ereignisse passieren, dass man ziemlich weit entfernt ist.

 

Wer in Graz von einem Ort zum nächsten spaziert, legt selten große Distanzen zurück – in der Stadt liegt alles nah beieinander. Zudem bringen einen die öffentlichen Verkehrsmittel schnell an fast jedes Ziel. So erreicht man beispielsweise die Grazer Burg vom Beginn der Hofgasse aus in nur sechs Minuten, und auch der Weg vom Jakominiplatz durch die Herrengasse zum Hauptplatz ist nach etwa zehn Gehminuten gemütlich zu Fuß absolviert.

 

Auf unserem Weg entlang der Herrengasse passierten wir eine Reihe bedeutender historischer Bauwerke der Grazer Altstadt. Das Straßenbild wird hier unter anderem von der barocken Stadtpfarrkirche mit ihrem markanten Kirchturm geprägt. Ebenso befindet sich dort das Landeszeughaus, das die weltweit größte historische Waffensammlung beherbergt und auf vier Etagen mit originalen Rüstungen, Harnischen sowie Hieb- und Stichwaffen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert beeindruckt.

 

Gleich zu Beginn fällt jedoch das prunkvolle Landhaus auf – ein Meisterwerk der Renaissance und Sitz des Steirischen Landtages. Im stimmungsvollen Innenhof wird zur Adventszeit traditionell eine Eiskrippe errichtet. Wir betraten den Eingangsbereich des Renaissancehofes, wo sich ein spezielles Tastmodell aus Bronze für blinde und sehbehinderte Menschen befindet.

 

Dieses Modell bietet maßstabsgetreue, haptische Miniaturen der beiden historischen Komplexe (Landhaus und Zeughaus). Sämtliche Elemente wurden so gestaltet, dass komplexe kulturhistorische Details ohne Sehvermögen ertastet werden können:

 

Der linke Abschnitt stellt die Außenarchitektur des Grazer Landhauses und des angrenzenden Landeszeughauses dreidimensional dar, sodass Dachformen, Fassaden und die Gesamtausdehnung der Gebäude haptisch begreifbar werden.

 

Der mittlere, waagerecht angeordnete Teil veranschaulicht ausgewählte Räume und Höfe. Hier kann man mit den Fingern in die prächtigen Renaissance-Arkadengänge hineintasten und den Grundriss der historischen Landstube durch eine Öffnung von oben erkunden.

 

Der rechte Abschnitt widmet sich einem besonderen kunsthistorischen Detail: Dem Wappentier – dem Steirischen Panther –, das als ertastbares Flachrelief getreu der historischen Stuckverzierung an der Decke der Landstube nachgebildet ist.

 

Nach dieser faszinierenden Erkundung der steirischen Geschichte machten wir uns auf den Weg zu einem weiteren Tastmodell im Grazer Rathaus, das sich nur wenige Gehminuten entfernt an der Südseite des Hauptplatzes befindet.

 

Unterwegs fielen uns emsige Aufbauarbeiten auf: Überall wurden Zelte, Hütten und Bühnen errichtet, da am kommenden Wochenende bereits zum 25. Mal das traditionelle Fest „Aufsteirern“ stattfand. Dennoch erreichten wir ohne Hürden oder Hindernisse das Rathaus, den Sitz der Grazer Bürgermeisterin.

 

Das Modell steht im Innenbereich des Rathauses überdacht im Eingangsbereich (Glockenspiel- bzw. Hauptplatz-Durchgang), direkt gegenüber der Portiersloge und ist an einem taktilen Bodenleitsystem angebunden.

 

Das Tastmodell des Grazer Rathauses ist Teil der sogenannten „Graz-Miniaturen“, die von blinden, sehbehinderten und sehenden Menschen gleichermaßen genutzt werden, um Bauwerke taktil zu erfassen.

 

 

Die maßstabsgetreue dreidimensionale Miniatur ist ebenso aus robuster, langlebiger Bronze (Legierung aus Kupfer und Zinn. Eine Legierung aus Kupfer und Zink heißt Messing)gefertigt. Es stellt das prächtige Hauptgebäude des Grazer Rathauses mit seinen charakteristischen architektonischen Details wie den Kuppeln, Türmen und der Fassadenstruktur greifbar dar. Durch die ertastbaren Formen und zusätzlichen Erklärungen in Brailleschrift Konnten wir die Architektur des historischen Gebäudes eigenständig erforschen und begreifen.

 

Nachdem wir das Rathaus verlassen hatten, traf uns das hektische Treiben am Hauptplatz wieder. Hier wird das geschäftige Treiben von vorbeifahrenden Straßenbahnen und  Passanten geprägt. Prägend für das Bild sind die charakteristischen, fest installierten Imbiss- und Verkaufshäuschen, die Einheimischen wie Touristen gleichermaßen als beliebter Treffpunkt dienen.

 

Auf dem Weg zur Murgasse kamen wir direkt beim Erzherzog-Johann-Brunnen vorbei, der mitten am Grazer Hauptplatz steht.

 

 

Der Erzherzog-Johann-Brunnen bildet als imposantes Monument das historische und geografische Zentrum des Grazer Hauptplatzes. Im Mittelpunkt der 1878 enthüllten Anlage steht eine überlebensgroße Bronzestatue von Erzherzog Johann, dem bedeutenden Förderer der Steiermark. Er wird in traditioneller Tracht dargestellt, was seine tiefe Verbundenheit mit dem Volk unterstreicht. Zu seinen Füßen sitzen vier Frauenfiguren, die allegorisch die vier Hauptflüsse der damaligen Steiermark – Mur, Enns, Drau und Sann – verkörpern. Reliefs am Sockel illustrieren wichtige Stationen sowie Pionierleistungen aus dem Leben des Erzherzogs. Heute ist das kunstvolle Ensemble nicht nur ein zentrales Wahrzeichen der Stadt, sondern auch einer der beliebtesten Treffpunkte für Einheimische und Gäste.

 

Wir machten uns durch die schmale Murgasse und über die Erzherzog-Johann-Brücke auf den Rückweg zum Südtirolerplatz dem Ausgangspunkt unseres Spazierganges in Graz.

 

Die historische Murgasse bildet als charmante, dicht bebaute Einkaufsstraße ein lebendiges Nadelöhr zwischen dem Grazer Hauptplatz und der Mur. In der geschäftigen Gasse drängen sich die Fußgänger hautnah an den Schaufenstern, während der Raum zwischen den altstädtischen Fassaden spürbar eng wirkt. Das Gefühl der Enge gipfelt darin, dass die kreischenden Straßenbahnen im Zentimeterabstand an den extrem schmalen Gehsteigen vorbeigleiten, was der Murgasse ihre ganz besondere, pulsierende Dynamik verleiht.

 

Beim Überqueren der Erzherzog-Johann-Brücke  fallen uns am Brückengeländer die vielen Vorhängeschlösser auf. Sie sind auf beiden Seiten der Brücke und über die gesamte Länge am Geländer befestigt. Diese Schlösser haben die unterschiedlichsten Größen, Formen und Farben.

 

Die Vorhangschlösser an der Erzherzog-Johann-Brücke  in Graz sind sogenannte Liebesschlösser. Dieser Brauch stammt ursprünglich aus Italien und verbreitete sich weltweit. Verliebte Paare befestigen ein Vorhängeschloss an einem Brückengeländer und werfen den Schlüssel ins Wasser, um ihre ewige Verbundenheit zu symbolisieren

 

In Graz ist die Erzherzog-Johann-Brücke  dicht mit diesen Schlössern behängt, was sie zu einem beliebten Ort für Paare macht, um ihre Liebe zu bekunden. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass das Gewicht der Schlösser die Brücken belasten kann, und daher regelmäßig einige entfernt werden.

 

Neben den vielen Vorhangschlössern kann man auch die Murinsel von der Brücke aus sehen. Besonders Nachts ist der Blick auf Die Murinsel ein Blickfang. Schließlich wird sie farbenfroh beleuchtet und bietet ein faszinierendes Schauspiel, was sie zu einem beliebten Fotospot macht.

 

Wirft man auf der Brücke einen Blick zurück, sieht man die prachtvolle Franziskanerkirche.

 

Auf der anderen Seite der Mur und somit am Südtirolerplatz angekommen, brauchten wir nur der taktilen Bodeninformation (TBI) zu folgen, um direkt zur Straßenbahnhaltestelle zu gelangen.

 

In Graz sind auf der TBI Piktogramme mit dem Blindensymbol angebracht, um die Bevölkerung für dieses Leitsystem zu sensibilisieren.

 

Nun konnten wir in jede beliebige Straßenbahn einsteigen, um zum Bahnhof zu fahren. So verlief auch die Rückfahrt zu unserer Unterkunft völlig reibungslos.

 

Da am Abend im Gasthaus Lammer ein großes Kegelturnier der Maschinenfabrik Andritz mit 165 Teilnehmern stattfand, machten wir uns für das Abendessen auf den Weg in ein nahegelegenes Lokal.

 

So unternahmen wir einen kurzen Spaziergang zum Kunst- und Kulturkeller in der Schulstraße. Der Weg führte uns erneut am Park der Rehaklinik vorbei. Dabei stellten wir fest, dass wir an diesem Lokal bereits am Montag auf dem Weg zur Wallfahrtskirche Maria Straßengel vorbeigekommen waren.

 

Der Kulturkeller ist ein sehr gemütliches Lokal, das hervorragende Gastronomie mit einem einladenden Ambiente verbindet. Es fiel uns sofort positiv auf, dass hier offenbar schon öfter sehbehinderte und blinde Menschen zu Gast gewesen sein mussten: Die Chefin und das Personal wussten genau, wie man aufmerksam und professionell mit unserer Gemeinschaft umgeht.

 

Dadurch wurde unser letzter Abend in Judendorf nicht nur mit einem vorzüglichen Essen, sondern auch mit besonders schönen Erinnerungen abgerundet. Wenn wir wieder einmal nach Judendorf kommen, werden wir hier ganz sicher erneut einkehren.

 

So endete ein ebenso informativer wie schöner Tag in Graz mit einem gemütlichen nächtlichen Spaziergang zurück zu unserer Unterkunft.

 

Freitag, 18.09.2026: Wenn wir wieder heimwärts ziehen – Das Finale einer besonderen Reise.

 

Heute am Freitag war es wieder so weit. Nach dem letzten gemütlichen gemeinsamen Frühstück ging es ans Kofferpacken und Zimmerräumen.

 

Da auch das „Aufsteirern“ beim Gasthaus Lammer eine Rolle spielte, wurden wir gebeten, unsere Zimmer schon früher freizugeben. Die Zimmer waren schon wieder für das Wochenende gebucht und es musste natürlich alles gereinigt werden. Für uns stellte das kein Problem dar.

 

Da der Weg zum Bahnhof leicht nach unten führt, rollten unsere Koffer fast von selbst zum Bahnsteig. Wir mussten uns nur daran festhalten. Auch heute blieb der neue Doppelstockzug vor uns stehen, und so rollten wir Richtung Grazer Hauptbahnhof.

 

Da wir bis zur Abfahrt nach Linz noch sehr viel Zeit hatten, versorgten wir uns mit Getränken und einer Jause für die Rückfahrt. Ebenso kauften wir bei den beiden Brezelständen im Bahnhof ein. Es gab einen Stand mit Laugenbrezeln und einen Stand mit den ganz speziellen – und für mich besten – Brezeln Österreichs.

 

Die knusprige Wagner-Breze gilt als kulinarisches Wahrzeichen der Stadt Graz und hat eine lange Tradition. Urheber des Gebäcks war der Bäcker Toni Wagner, der den Grazer Klassiker in der Zwischenkriegszeit erfand und populär machte. Kurz vor seinem Tod vertraute er das geheime Rezept der Traditionsbäckerei Strohmayer an, um dessen Fortbestand zu sichern. Bis heute wird die echte Wagner-Breze von der Bäckerei Strohmayer am Karlauplatz in sorgfältiger Handarbeit gefertigt und genießt weit über die Grenzen der Steiermark hinaus Kultstatus.

 

Nach dem Provianteinkauf suchten wir ein Café für einen gemütlichen Abschluss. Fündig wurden wir direkt am Europaplatz im Gastgarten von AIDA – mitten im lebendigen Geschehen vor dem Bahnhofsgebäude. Das Café ist für seine Vielfalt an Kaffeesorten, Röstungen und Espressospezialitäten bekannt. Für unsere Gruppe wurde rasch ein großer Tisch zusammengestellt, sodass jeder in aller Ruhe sein Lieblingsgetränk genießen konnte.

 

Doch auch dieser gemütliche letzte Augenblick in Graz ging zu Ende, und wir machten uns auf den Weg zum Infopoint, wo uns das Team der ÖBB-OS erwartete.

 

Die Position des Infopoints am Grazer Hauptbahnhof hat sich seit meinem letzten Besuch verändert: Da die Westbahn einen Ticketschalter in der Bahnhofshalle bekommen hat, wurde der Infopoint in den Durchgang von der Haupthalle zum Spar verlegt. Mir persönlich gefällt dieser Platz besser, da er sehr gut über die taktilen Leitlinien zu finden ist. Ebenso wurde das Behinderten-WC erneuert: Es wurde eine automatische Tür eingebaut und das Waschbecken tiefer gesetzt.

 

Der Begleitdienst der ÖBB brachte uns zum Wagen mit unserem reservierten Plätzen. Pünktlich rollte der Zug in Richtung Norden aus dem Bahnhof. Kurz nach Graz blickten wir noch einmal wehmütig auf die Wallfahrtskirche Maria Straßengel und das Freilichtmuseum Stübing zurück, an denen wir vorbeifuhren.

 

Die Heimfahrt verlief wie im Flug, und am späten Nachmittag erreichten wir nahezu pünktlich den Linzer Hauptbahnhof. Auch hier wurden wir wieder verlässlich vom ÖBB-Begleitservice abgeholt und in die Bahnhofshalle geleitet – genau an jenen Ort, an dem fünf Tage zuvor unsere gemeinsame Reise begonnen hatte.

 

Ein Fazit in eigener Regie:

 

Diese fünf Tage haben eindrucksvoll bewiesen, wie viel Kraft und Lebensfreude in echter Selbstbestimmung stecken. Völlig unabhängig von starren Verbandsstrukturen oder vorgegebenen Programmen haben wir – sehbehinderte, blinde und sehende Menschen gemeinsam – eine Reise auf die Beine gestellt, die von gegenseitigem Vertrauen, Herzlichkeit und Eigeninitiative getragen wurde. Wir haben gezeigt, dass gelungene Inklusion und ein barrierefreies Miteinander am besten funktionieren, wenn man sie selbst gestaltet. Mit vollem Herzen, gestärktem Gemeinschaftsgefühl und vielen unvergesslichen Erinnerungen im Gepäck sind wir wieder zu Hause angekommen – und das nächste gemeinsame Abenteuer lässt sicher nicht lange auf sich warten.

 

 

Gemeinsam unterwegs – Rückblick auf unsere Steiermark-Reise

Als Gruppe sind wir bereits seit vielen Jahren gemeinsam unterwegs und verstehen uns dabei auch als Botschafter für blinde und sehbehinderte Menschen. Schließlich verstecken wir uns nicht in verstaubten Verbandsräumen oder Vereinslokalen, sondern sind aktiv in der Öffentlichkeit präsent. Damit zeigen wir ganz praktisch, dass wir fast überall mitten im Leben stehen und teilhaben können.

 

Genau das durften wir auch während unserer fünftägigen Gruppenreise in die Steiermark wieder intensiv erleben – und wir haben, wie so oft, einen bleibenden und sehr positiven Eindruck hinterlassen.

 

Ein unschätzbarer Wert: Unsere Begleitpersonen

 

Ein solches Erlebnis ist jedoch nur durch die Unterstützung von engagierten Begleitpersonen möglich, bei denen wir uns an dieser Stelle von ganzem Herzen bedanken möchten. Sie leisten weit mehr als nur praktische Hilfe: Durch ihren Einsatz, ihre Aufmerksamkeit und ihre Verlässlichkeit öffnen sie Türen zu neuen Erlebnissen. Erst durch sie können blinde und sehbehinderte Menschen unbeschwert Freude am Reisen haben, Barrieren überwinden und in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Sie schenken uns Freiheit, Sicherheit und gemeinsame Erinnerungen.

 

Ein ganz besonderer Dank gilt daher unseren Begleiterinnen und Begleiter Andrea, Anni, Gregor und Johanna. Ihr habt uns stets sicher von A nach B gebracht, uns den Rücken freigehalten und diese Reise zu etwas ganz Besonderem gemacht – vielen herzlichen Dank dafür! Vielleicht dürfen wir ja auch im Jahr 2027 wieder gemeinsam neue Wege gehen.

 

Ein herzliches Dankeschön geht zudem an:

 

Meinen Bruder Günter, der uns zum Harmonikamacher, zur Lurgrotte, zum Sandwirt und wieder sicher nach Hause brachte.

 

Das Team des Gasthauses Lammer für ihre große Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

 

Die Familie Parz, und ganz besonders an Franz Parz, für die wunderbare Vorbereitung unseres Besuchs.

 

Andreas Schinnerl von der Lurgrotte Semriach für die informative und faszinierende Führung.

 

Auch beim Gasthaus Sandwirt haben sie dank Alfons gelernt wie Blinde Banknoten erkennen. Das werden sie noch ihren Enkeln erzählen.

 

Dank all dieser Menschen bleiben diese Tage in der Steiermark in unvergesslich guter Erinnerung.

 

© Oktober 2026 by Gerhard Hojas, Linz / Ebelsberg

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