Diskriminierung von Blinden und Sehbehinderten im neueröffneten Passage-Kaufhaus! Von Inklusion keine Spur.
Zwei Monate nach der Eröffnung – und noch immer keine Anzeichen von Verbesserungen für die blinde und sehbehinderte Community im Passage.
Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört. Es spielt keine Rolle, wie man aussieht, welche Sprache man spricht oder ob man eine Behinderung hat.
In einer inklusiven Welt muss sich nicht der Einzelne an die Umwelt anpassen, sondern die Umwelt ist von vornherein so gestaltet, dass alle überall mitmachen können. Niemand wird ausgegrenzt.
Was bedeutet Inklusion speziell für blinde und sehbehinderte Menschen?
Für blinde Menschen oder mit Sehbeeinträchtigung bedeutet Inklusion vor allem Barrierefreiheit und selbstbestimmte Teilhabe.
Dazu gehört besonders die Mobilität. Es gibt Leitsysteme am Boden (Rippen- und Noppenstrukturen), akustische Signale an Ampeln und Ansagen in Bus und Bahn. Lifte mit taktiler Beschriftung und Sprachausgabe. Taktile Lagepläne oder in Braille in Geschäften.
Inklusion ermöglicht es blinden und sehbehinderten Menschen, ihr Leben unabhängig von fremder Hilfe zu gestalten. Es geht nicht um Mitleid, sondern um das Recht, den Alltag, den Beruf und die Freizeit genau wie sehende Menschen zu erleben.
Am 04.11.2025 wurde im Neuen Rathaus in Linz der 1. Tag der Inklusion begangen. Zahlreiche Vereine, die vermutlich von der Stadt Linz und dem Land Oberösterreich gefördert werden, nahmen daran teil. Auffällig war jedoch, dass einige wichtige Vereine gar nicht eingeladen wurden – was bereits eine Form der Diskriminierung durch die Stadt Linz und eine Partei aus dem Gemeinderat darstellt. Diese Inklusionsveranstaltung wirkte eher wie eine Selbstbeweihräucherung der Stadt Linz und der teilnehmenden Einrichtungen..
Zwei Tage später, am 06.11.2025, wurde das umgebaute Passage-Kaufhaus in der Linzer Landstraße eröffnet.
Für bestimmte Gruppen ist dieser neue „Verkaufstempel“ zweifellos eine Bereicherung im Alltag. Menschen im Rollstuhl, mit Rollator, Eltern mit Kinderwägen sowie andere körperlich eingeschränkte Personen profitieren von der barrierefreien Gestaltung. Es gibt keine Stufen oder Hindernisse, alle Bereiche sind zugänglich. Auch die Lifte sind problemlos nutzbar, sodass diese Gruppen ohne fremde Hilfe jedes Stockwerk und jedes Geschäft erreichen können.
Barrierefreiheit scheint für Architekten, Bauherren und Verantwortliche bei Stadt und Land jedoch bereits dann erfüllt zu sein, wenn keine Stufen oder Kanten vorhanden sind – und wenn die Rollstuhllobby zufrieden ist. Eine solche Lobby existiert in Linz und ganz Oberösterreich allerdings kaum.
Dabei gibt es in Linz und Oberösterreich eine Gruppe von Menschen, die immer wieder vergessen wird. Für die Verantwortlichen dieser Stadt, für sehr viele Einrichtungen und Geschäften und für viele Architekten scheint sie schlicht nicht zu existieren. Schon 2024 zeigte sich dies beim neuen Zugang zum Schlossmuseum sowie 2025 beim Primärversorgungszentrum (PVZ) in Linz/Ebelsberg.
Im neuen Passage-Kaufhaus wurde diese Gruppe erneut übergangen – oder möchte man diese Community gar nicht als Kundschaft?
Dabei war die Vertretung dieser Community beim Inklusionstag durchaus präsent und stellte dort ihre Arbeit für mehr Teilhabe vor. Offensichtlich waren ihre Vertreter jedoch nicht im Passage-Kaufhaus selbst anzutreffen. Und wenn sie dort erscheinen, dann wohl nur mit Assistenz. Und dann haben diese Personen ja keine Probleme mit fehlender Barrierefreiheit.
Gemeint ist die Gruppe der Blinden und Sehbehinderten. Für diese Personen ist das neue Kaufhaus eine Katastrophe: Ohne Begleitung ist es kaum noch nutzbar. Eine derart blinden- und sehbehindertenfeindliche Umsetzung im Jahr 2025 grenzt an „Inkompetenz im Umgang mit Menschen mit Behinderung“ – man könnte auch von „schwerer Diskriminierung“ sprechen. Aber im Linzer Rathaus wird die Inklusion bejubelt.
Besonders störend ist, dass auf Hinweise zur mangelnden Barrierefreiheit für Blinde und Sehbehinderte meist die Ausrede folgt: „Das ist sicher noch nicht fertig!“ Doch wenn ein Gebäude offiziell eröffnet wurde, gilt es auch als fertig. Solche Ausreden sind nicht akzeptabel. Und wie man nach zwei Monaten sieht, ist dieses Kaufhaus offenbar immer noch nicht vollständig fertiggestellt. Zumindest für die Blinden und Sehbehinderten.
Eine weitere häufige Ausrede lautet: „Das hat der Architekt so geplant!“ Mag sein, dass der Architekt wenig Erfahrung mit barrierefreiem Bauen hat. Doch in den meisten Fällen setzt er lediglich das um, was ihm aufgetragen wurde.
Genau diese Antwort erhielt ich am 06.11.2025 von der Centerleiterin des Passage-Kaufhauses, Frau K.
Wer trägt eigentlich die Verantwortung für die unten angeführten Mängel im Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen im Passage-Kaufhaus?
Das neue Passage-Kaufhaus stellt für blinde und sehbehinderte Personen eine massive Barriere dar und ist ohne Assistenz kaum nutzbar. Viele der Maßnahmen, die für eine barrierefreie Nutzung selbstverständlich sein sollten, wurden schlicht nicht umgesetzt. Und das im Jahr 2025 – einer Zeit, in der man erwarten dürfte, dass Barrierefreiheit längst zum Standard gehört.
Was wurde für die blinde und sehbehinderte Community nicht umgesetzt?
Glasflächen:
Im gesamten Kaufhaus befinden sich zahlreiche Glasflächen, die für blinde und sehbehinderte Menschen ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellen. Viele dieser Flächen werden gar nicht oder erst sehr spät wahrgenommen – bereits bei den Eingangstüren beginnt dieses Problem.
Es fehlen normgerechte Markierungen, die Glasflächen klar erkennbar machen würden. Dadurch kann es passieren, dass man zwar eine Schaufensterpuppe erkennt, aber nicht bemerkt, dass sich bereits einen Meter davor eine Glaswand befindet. Zusätzlich ragen an mehreren Stellen unmarkierte Glaskanten in den Raum, was die Gefahr von Verletzungen weiter erhöht.
Kontraste:
Beim Betreten der Passage erleben sehbehinderte Menschen einen regelrechten „Blend-Schock“. Der extrem helle Boden bietet keinerlei Orientierungspunkte. Auch die weißen Wände tragen dazu bei, dass keine klaren Übergänge zwischen Boden, Wand und Raumstruktur erkennbar sind.
Besonders problematisch sind die weißen, eckigen Säulen, die mitten im Raum stehen. Da sie kaum Kontrast zum Hintergrund haben, besteht die Gefahr, dass man mit dem Blindenstock vorbeipendelt und direkt in eine Kante läuft.
Warum wurde hier nicht auf ausreichende Kontraste geachtet?
Ein Vergleich zeigt, dass es auch anders geht: In der BAWAG-Filiale in der Linzer Landstraße gibt es ebenfalls helle Böden und weiße Säulen. Dort sind die Säulen jedoch rund – und vor allem gibt es eine taktile Bodenführung vom Eingang bis zu einem Infopoint. Ab diesem Punkt unterstützt das Personal weiter. Ein solches System fehlt in der Passage vollständig.
Taktile Bodeninformationen:
Im gesamten Gebäude fehlen taktile Leitlinien, die Blinden und Sehbehinderten Orientierung bieten könnten. Es gibt keinerlei Bodeninformationen, die zu Liften, Rolltreppen, Geschäften oder zum barrierefreien WC im Untergeschoss führen.
Für ein Einkaufszentrum, das im Jahr 2025 modernisiert wurde, wäre ein taktiles Leitsystem das absolute Minimum – selbst wenn es nur bis zu einem zentralen Infopoint führen würde.
Lifte ohne Sprachausgabe und taktile Beschriftung:
Auch in den Liften wurde die Barrierefreiheit für blinde und sehbehinderte Menschen nicht berücksichtigt. Es gibt keine Sprachausgabe, die die Stockwerke ansagt, und die Bedienelemente wurden weder mit tastbaren Symbolen noch mit Brailleschrift ausgestattet.
Fehlende taktile und digitale Informationen:
Weder im Gebäude noch in den Liften existieren taktile Hinweise oder Beschriftungen in Braille. Besucherinnen und Besucher mit Sehbehinderung sind daher gezwungen, ständig andere Menschen um Hilfe zu bitten.
Ebenso fehlen digitale Lagepläne, die über QR-Codes abrufbar wären – ein einfach umsetzbarer Service, der die Orientierung erheblich erleichtern würde.
Fehlende visuelle Bodenmarkierungen für Sehbehinderte:
Vor dem Umbau gab es gut sichtbare Bodenmarkierungen, die den Verlauf der Rolltreppen klar erkennbar machten. Diese hilfreichen Orientierungshilfen wurden ersatzlos entfernt. Gerade für sehbehinderte Menschen wären solche Markierungen wichtig, um sicher und selbstständig den Weg aus dem Gebäude zu finden.
Keine Normgerechte Stufenmarkierungen:
Auch die Stufenmarkierungen in den Stiegenhäusern entsprechen nicht der Norm für die Sicherheit.
Notausgänge:
Für Menschen mit Behinderung – insbesondere für blinde und sehbehinderte Personen – ist nicht erkennbar, wo sich die Notausgänge befinden. Es fehlen klare, tastbare oder akustische Hinweise, die im Ernstfall lebenswichtig wären.
Mein Resümee:
In einer Zeit, in der Barrierefreiheit und Inklusion längst selbstverständlich sein sollten, gibt es in Österreich noch immer eine Stadt, in der diese Begriffe offenbar nicht angekommen sind. Es hat seine Gründe, warum Linz häufig als die *behindertenfeindlichste Stadt Österreichs* bezeichnet wird – und diese Gründe liegen maßgeblich bei den handelnden Akteuren.
Beim Umbau des Passage-Kaufhauses in der Linzer Landstraße treten die bestehenden barrierefeindlichen Mängel besonders deutlich zutage. Hier haben aus meiner Sicht alle Verantwortlichen versagt. Dieses Versagen lässt sich nicht auf eine einzelne Person oder Institution reduzieren.
Zu den Verantwortlichen zählen für mich:
Die Leitung und Verantwortlichen des Passage-Kaufhauses;
Die Architektinnen und Architekten, die den Umbau geplant haben;
Die Stadt Linz mit ihren zuständigen Behindertensprecherinnen und -sprechern;
Die politischen Parteien, die zwar Inklusion predigen, aber in der Praxis wenig davon verstehen und umsetzen;
Der Blinden- und Sehbehindertenverband Oberösterreich, der ebenfalls gerne von Inklusion spricht, aber wenig Engagement zeigt.
Bemerkenswert ist, dass der BSV OÖ laut Auskunft nach dem Informationsfreiheitsgesetz von der Stadt Linz jährlich Fördermittel erhalten hat und erhält. Dennoch scheint er sich nicht ausreichend für die Interessen seiner eigenen Klientel in Oberösterreich einzusetzen. Wofür wurden diese Gelder eigentlich vergeben? Und wo war die Expertise des Verbandes beim Umbau der Passage?
Vor diesem Hintergrund habe ich auch kein Verständnis dafür, dass das Land Oberösterreich weiterhin Zahlungen an den Dachverband BSVÖ leisten sollte. Zuletzt handelte es sich um rund 35.000 Euro pro Jahr (Quelle: Förderdatenbank Land OÖ). Aber diese Zahlungen werden hoffentlich eingestellt. Für solche Geldleistungen sollte sich der BSVOÖ mehr für ihre Klientel anstrengen“
Ich erwarte mir als betroffene Person von allen Verantwortlichen und Beteiligten ein rasches und entschlossenes Handeln, damit dieses traurige Kapitel der mangelnden Inklusion und Barrierefreiheit in Linz doch noch ein positives Ende findet.
Blinde und sehbehinderte Menschen erwarten eine zielorientierte und zeitgerechte Umsetzung eines wirklich barrierefreien Zugangs im neuen Passage-Kaufhaus in der Linzer Landstraße.
Fotos dazu gibt es auf meiner Facebookseite:
© Jänner 2026 by Gerhard Hojas, Linz / Ebelsberg